Stožec? Tusset? Wo bitte bin ich eigentlich? Die Antwort ist ziemlich einfach – es ist das gleiche Dorf und ich bin im schönen Böhmerwald, nahe der Grenze zu Bayern.

Stožec liegt im Tal der Kalten Moldau, am Zusammenfluss mit der Warmen Moldau, der beiden Quellflüsse der Moldau im Böhmerwald (Nationalpark Šumava). Die Grenze zu Bayern ist nur wenige Kilometer entfernt, es gibt viele Wander- und Radwege, die auch nach Deutschland führen.

Blick zum Böhmerwald
Blick zum Böhmerwald

Tusset oder Stožec ist das nächstgelegene Dorf am Südhang des Tussetberges. Es entstand 1769 als Holzfällersiedlung, bereits seit dem 16. Jahrhundert gab es hier die ersten Sägemühlen im Tal. 1910 wurde der Ort an die Bahnlinie angeschlossen, damit wurde es leichter das Holz und die verarbeiteten Materialien in die ganze Welt zu transportieren. Die Holzindustrie hatte hier bereits damals eine lange Tradition. 

Eine Kreuzweg-Station
Eine Kreuzweg-Station

Wahrscheinlich gab es schon im 13. Jahrhundert einen Wartturm auf dem Tussetberg, der zum Schutz der Kaufleute und Säumer errichtet worden war. Die Säumer brachten unterschiedliche Waren, vor allem aber auch Salz auf ihren Eseln, Pferden oder Ochsen von Tschechien nach Deutschland und vice versa. Ihren Weg säumten zahlreiche Kapellen und Bildstöcke, bei denen sie zu Gott beten konnten. Wallern (Vorary) war die Gemeinde, die ihnen Übernachtungsmöglichkeiten, Bewirtung und Schutz bot.

Die Muttergottes mit der weißen Rose
Die Muttergottes mit der weißen Rose

Angeblich gab es im 17. Jahrhundert unweit der Säumerbrücke eine kleine Holzkapelle mit einem Marienbild. In der Zeit des 30jährigen Krieges versteckte ein Vogelfänger – ein braver Mann namens Wenzel – das Marienbild vor den Schweden in einem wilden Steingeklüft am Tussetberg. Noch heute heißt dieser Ort „Bravenzlfelsen“ (das W wurde ausgelassen). Später wurde das Bild wieder gefunden und an einem Baum nahe einer Quelle befestigt. Daneben wurde eine Opferbüchse aufgestellt, deren Einnahmen armen und verunglückten Säumern zur Verfügung standen.

Mystisch - der Böhmerwald
Mystisch - der Böhmerwald

Auch Gäste kommen hier schon lange Zeit auf Urlaub, freuen sich über die Natur und die gute Luft, über die vorzügliche Bewirtung und die Gastfreundschaft.

Im Böhmerwald
Im Böhmerwald

Dennoch hat dieser Ort, wie viele andere in der Gegend auch eine dunkle Vergangenheit. In früheren Zeiten mehrheitlich von deutschsprechenden Bürgern bewohnt, wurde die Region durch das Münchner Abkommen dem Deutschen Reich der Nationalsozialisten eingegliedert. Später wiederum wurden die Deutschen durch die Beneš-Dekrete vertrieben. Es dauerte lange – und es dauert immer noch an – das Ver- und Aussöhnung stattfinden.

Am Weg zur Kapelle
Am Weg zur Kapelle

Vielleicht ein Zeichen ist die Stožec-Kapelle, die eigentlich gleich zweimal wieder aufgebaut wurde.

Die neue Stožec- oder Tussetkapelle wurde 1985 im bayrischen Philippsreut exakt nach der ursprünglichen Kapelle nachgebaut. Die „alte“ musste auf die Samtene Revolution warten und dann noch einige Jährchen danach. Jetzt aber ist auch sie wieder aufgebaut und einen Spaziergang in den Wald zum Tussetberg jederzeit wert. Und solltet ihr auch noch ein Augenleiden haben, hilft vielleicht ein Gebet in der Kapelle und das Benetzen der Augen mit dem Quellwasser daneben. Aber der Reihe nach.

Die alte Tussetkapelle

Mitten im Wald versteckt, auf einem Hang des 1065 Meter hohen Stožec findet ihr zwischen hohen Bäumen, fast in den Berg hineingebaut die Tussetkapelle.

Die Legenden 

Um die Kapelle und vor allem um das Bild der Madonna mit der weißen Rose ranken sich einige Legenden:
So erzählt eine Geschichte von einem lutherischen Soldaten, der das Marienbild sah und es mit seinem Säbel zerstören wollte. Als er aber das Bild mit dem ersten Schlag berührte, leuchtete das Bild so hell auf, dass er geblendet zu Boden stürze und fortan an die Muttergottes glaubte.

Am Weg zur Kapelle
Am Weg zur Kapelle

Eine weitere Geschichte erzählt von einem Jäger, der das Marienbild in die Moldau warf. Zu seinem großen Schrecken ging das Bild jedoch nicht unter, sondern schwamm hellstrahlend die Moldau hinauf. Vergeblich versuchte er darauf hin, das Bild wieder zu retten, doch umsonst – es gelang ihm nicht. Als Strafe verlor er danach sein Augenlicht und brauchte lange Zeit um es wieder zurück zu erlangen.

Plan und Wegweiser in den Nationalpark
Plan und Wegweiser in den Nationalpark

Auch aus der Zeit gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, als die Schweden auch in den Dörfern des Böhmerwalds eindrangen, gibt es noch einige Geschichten.

Die wichtigste Geschichte über das Bild der Gottesmutter und den Bau der Kapelle stammt aus dem Jahre 1791.

Tusset hat auch eine Bahnstation
Tusset hat auch eine Bahnstation

In Vorary (Wallern) lebte der Schmied Jakob Klausner, der immer mehr – wahrscheinlich durch seine Tätigkeit als Schmied – seine Sehkraft verlor. Nahezu erblindet hatte er drei Nächte lang denselben Traum: Es erschien ihm eine Frau, die ihn aufforderte in den Wald zu gehen. Dort würde er sein Augenlicht wieder zurückbekommen.“ Klausner betete zur Gottesmutter und machte sich in den Wald auf. Bei einem Felsen bei einer Quelle sah er ein Bild, auf dem die Madonna mit der Rose abgebildet. In ihr erkannte er die Frau, die in seinen Träumen erschienen war. Er benetzte seine Augen mit dem Wasser der Quelle und sein Augenlicht kehrte zurück. Er gelobte an dieser Stelle eine Kapelle zu bauen.

Stožec
Stožec

Jakob Klauser, als Schmiedjogl bekannt, war als kunstfertiger Schmied weit und breit geschätzt. Durch Aufzeichnungen ist auch bekannt, wo er gewohnt hat und wie er gelebt hat.

Das gußeiserne Kreuz
Das gußeiserne Kreuz

Die hölzerne Marien-Wallfahrtskapelle ist ein Beispiel der volkstümlichen Schnitzereikunst. 1804 wurde die Holzkapelle in Stein umgebaut und in den 1860ern wurde sie um einen hölzernen Anbau mit Holzschnitzereien ergänzt. In dieser Zeit wurde auch ein Altar aufgestellt und eine Messlizenz für fünf Messen jährlich erwirkt. Am 24. Juli 1865 wurde die erste Heilige Messe gelesen. 1867 besuchten der Kardinal und Fürsterzbischof von Prag und sein Bruder die Kapelle. Sie erhörten die Bitten der Bevölkerung und vergrößerten die Kapelle um einem Vorbau im „Schweizerstil“.

In der Kapelle
In der Kapelle

1884 wurde die Kapelle dann nochmals renoviert und ein neues Gnadenbild auf dem Altar der Steinkapelle aufgestellt. 1914 wird sie noch einmal ausgebessert. Auch in der Folge bemühen sich immer wieder Menschen in der Umgebung die Kapelle zu erhalten.

Der Rastplatz bei der Kapelle
Der Rastplatz bei der Kapelle

Nach der Vertreibung der Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges verfiel die Kapelle mehr und mehr, wohl wurde ihr Dach notdürftig bedeckt, doch auch die neuen Machthaber hatten an der Kapelle kein Interesse. Außerdem lag sie im Grenzgebiet zu Deutschland und damit gab es auch strenge Bedingungen, wer überhaupt die Umgebung betreten durfte.

Bei der Kapelle
Bei der Kapelle

Bei unserem Besuch ist es zuerst nebelig und regnerisch. Aber wir haben Glück zu guter Letzt kommt die Sonne heraus und die Strahlen bahnen sich ihren Weg durch die meterhohen Bäume.

Blick zur Kapelle
Blick zur Kapelle

An der Kapelle erwartet uns Frau Sieglinde, die hervorragend Deutsch spricht und eine, der wenigen Deutschen ist, die in der Tschechoslowakei blieben. Sie erzählt uns die Geschichte der Stožec-Kapelle und ihrer Wiedererrichtung und gibt uns auch einen kleinen Einblick in die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Frau Sieglinde
Frau Sieglinde

Immer wieder betonte sie, wie wichtig diese Kapelle für die Menschen im Ort und in der ganzen Region war. Hierher wurden nicht nur Wallfahrten (vor allem zu Mariä Himmelfahrt) abgehalten, drei Kreuzwege führten und führen nun wieder von verschiedenen Startpunkten zur Kapelle und nicht nur das Wasser der Quelle gilt als Wunder. Hier wurde immer zur Muttergottes Immaculata gebetet, und in früheren Zeiten zeigten auch Krücken und andere Heilbehelfe, die in der Kapelle zurückgelassen wurden, die Wirkung der Fürsprache durch die Madonna mit der weißen Rose.

Im Inneren der Kapelle
Im Inneren der Kapelle

Auch für Mütter, deren Kinder in frühen Jahren oder gleich nach der Geburt starben, war dies ein Ort um Hilfe bei ihrer Trauer zu erhalten.

Die Besucher kamen von überall her: aus Linz, Wien, manche sogar aus Amerika. Kardinäle, Bischöfe und Fürsten besuchten ebenso die kleine Kapelle im Wald wie auch der Thronfolger der k.k. Monarchie Erzherzog Franz Ferdinand.

Das Bild der Madonna mit der weißen Rose
Das Bild der Madonna mit der weißen Rose

1942 reparierte der Vater unserer Zeitzeugin die Kapelle noch einmal notdürftig, 1945 aber war es um sie geschehen, sie fiel in sich zusammen. 

1985 wurde die Kapelle getreu ihrem Vorbild in Deutschland, in Philippsreuth - in dem viele ehemalige vertriebene Deutsche aus der Region leben -  wieder aufgebaut, aber an ihrem ursprünglichen Platz auf der tschechischen Seite blieb die Ruine zurück. 

Die Quelle bei der Kapelle
Die Quelle bei der Kapelle

1988 wurde dann auch die „alte“ Tussetkapele in Tschechien von J. Kocour wieder hergestellt und ab dem nächsten Jahr fanden dann auch wieder regelmäßige Wallfahrten statt, die nun Deutsche und Tschechen beim Feiern und Beten wieder vereinen. 1990 wurde sie durch den Budweiser Bischof Miloslav Vlk neu eingeweiht.

Natürlich habe ich das Heilwasser auch ausprobiert
Natürlich habe ich das Heilwasser auch ausprobiert

Eigentlich wurde die Kapelle in ein Museum umgewandelt, aber auch hier fand sich ein Kompromiss: Der vordere und hintere Bereich der Kapelle wird zwar als Museum genutzt, aber es werden auch wieder Gottesdienste in der Kapelle abgehalten.

Die Kreuzwege

Drei Kreuzwege führen auf den Tussetberg:
Der Tusseter Kreuzweg beginnt in der Ortschaft Štožec und endet beim großen gusseisernen Kreuz mit einem Steinsockel nahe einer heute versiegten Quelle.

Am Kreuzweg
Am Kreuzweg

Der Böhmisch-Röhrener (Česke Žleloy) Weg beginnt oberhalb der Brennt-Au-Wiesen und endet beim Felsabhang der Kapelle.

Der Guthausener Kreuzweg führt auf dem Kapellenweg und beginnt am Fürstensteig, bei der Großen Buche oberhalb des Bravenzl-Felsens.

Wenn ihr selbst einmal im Böhmerwald spazieren möchtet und zur Stožec-Kapelle kommen möchtet, findet ihr hier Wegbeschreibungen.

Im Böhmerwald
Im Böhmerwald

Im Nationalpark Šumava findet ihr neben einer großen Artenvielfalt auch Luchs und Habichtskauz. In Stožec gibt es ein Informationszentrum des Nationalparks mit Ausstellungen über die Fauna und Flora des Böhmerwaldes und der regionalen Geologie.

Wegweiser im Böhmerwald
Wegweiser im Böhmerwald zum Kreuzweg

Das Informationszentrum kann unter der Telefonnummer +420 731 530 466 und unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. erreicht werden. Bitte checkt für die Öffnungszeiten die Website des Nationalparks.
Dort findet ihr auch eine Info, wo man am besten mit dem Auto parken kann, falls ihr nicht mit dem Zug anreist.

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