Dieses Jahr starten die Schlossspiele Kobersdorf wieder mit einer Komödie in die Saison. Dem Publikum und auch mir hat „Der nackte Wahnsinn“ gut gefallen.
Die Inszenierung nutzt Frayns Komödie als rasantes Spiel im Spiel: Was zunächst wie eine holproge Generalprobe wirkt, steigert sich von Akt zu Akt zu einem präzise choreografierten Chaos, das gerade deshalb so komisch ist.

Gleich zu Beginn der Aufführung sind wir überrascht. Befindet sich doch der Regisseur der Theatertruppe, die auf der Bühne gerade ihre Generalprobe abhält, mitten im Zuschauerraum. Doch das ist nur ein Gag des Stückes „Der nackte Wahnsinn“ des britischen Autors Michael Frayn.

Während sich die Theatertruppe auf der Bühne abmüht, den Wünschen ihres Regisseurs (Jens Classen als Lloyd Dallas) gerecht zu werden – was nicht immer von Erfolg gekrönt ist –, hört man bereits die ersten Lacher im Publikum. So richtig in Fahrt kommt das Stück und damit auch das Team rund um Intendant Wolfgang Böck aber mit dem zweiten Akt.

Die Schauspieltruppe ist bereits auf Tournee, und der Autor entführt die Zuseher nun auf die Hinterbühne einer laufenden Vorstellung. Dabei wird auch die ganze Genialität des Bühnenbildes von Erich Uiberlacker sichtbar: Wie von Geisterhand dreht sich die Bühne, und schon spielen sich die Dramen hinter der Bühne ab. Beziehungsprobleme treten zutage, eine Whiskeyflasche könnte die Konzentration der Schauspieler mindern, und auch das Stück selbst entwickelt sich seltsam anders weiter – jedenfalls weit weg von den ursprünglichen Regieanweisungen.

Nun sind die Schauspieler ganz in ihrem Element: Pointe um Pointe wird gesetzt, das Tempo wird atemberaubend. Und ist dennoch steigerungsfähig.

Im dritten Akt sind wir wieder auf der Bühne desselben Stückes, nun bei der letzten Aufführung der Tournee. Jetzt gibt es endgültig kein Halten mehr: Der nackte Wahnsinn bricht aus. Es muss improvisiert werden, was das Zeug hält. Immer wieder nimmt das Stück eine überraschende Wende, weil Einsätze nicht funktionieren, Text durch neue Situationen verändert werden muss und Texteinsätze nicht so klappen wie vorgesehen. Das Chaos regiert – zum Gaudium des Publikums – auf höchster Ebene.

Für das Publikum ist es ein äußerst unterhaltsamer Abend, für die Schauspielerinnen und Schauspieler meiner Meinung nach allerdings Schwerarbeit. Damit das „Chaos“ und damit auch die Gags funktionieren, braucht es nicht nur Tempo, sondern vor allem äußerste Präzision.

Dazu kommt, dass der Text der einzelnen Darsteller in allen drei Akten ähnlich ist, aber eben nur ähnlich: Manchmal unterscheiden sich die Sätze nur durch Nuancen, und genau diese Nuancen machen den Witz und die Unterhaltung aus. Ein falsch gesprochenes oder falsch betontes Wort – und der Gag wäre weg. Obwohl in allen drei Akten eigentlich dasselbe Stück aufgeführt wird, ist es eben doch jedes Mal anders. Ich hätte den Text für keine der Rollen lernen mögen.

Besonders deutlich wird diese Präzision beim Ensemble, das nicht nur schnelle Pointen liefern, sondern zugleich die immer wieder leicht verschobene Mechanik des Stücks beherrschen muss.
Die Schauspieler
Intendant Wolfgang Böck gibt einen hervorragenden Einbrecher mit großer Vergangenheit (früher hat er in Banken eingebrochen) und mit großer Liebe zum Inhalt der Whiskeyflasche. Jo Bertl spielt hervorragend Poppy Norton-Taylor, die Regieassistentin, die versucht das Spiel und die Schauspieler zumindest zweitweise in den Griff zu bekommen und deren Liebesbeziehung Folgen zeigt.

Marie Cécile Nest spielt Brooke Ashton als Vicky, der nicht nur öfter ihre Kontaktlinsen verloren gehen, sondern auch gewisse Steuerunterlagen. Mit Boris Popović alias Garry Lejeune als Roger Tramplemain führt sie die Aussicht auf ein Schäferstündchen mit ihm ins Haus der Brents, das eigentlich leer sein sollte, da sich die Hausbesitzer als Steuerflüchtlinge nach Spanien abgesetzt haben.

Doch diesem Unterfangen steht von Anfang an Dotty Otley als Mrs. Clackett (hervorragend Alexandra-Maria Timmel) im Wege. Sie sieht normalerweise nur Vormittags nach dem Rechten im Haus, möchte es sich aber ausgerechnet an diesem Tag länger mit einer Portion Sardinen vor dem Fernseher gemütlich machen.

Schließlich taucht auch noch das steuerflüchtige Ehepaar (Sophie Prusa als Belinda Blair alias Flavia Brent) und Mirko Roggenbock als Frederick Fellows alias Philip Brent beziehungsweise Scheich auf und das Chaos ist perfekt.

Nicht zu vergessen sind auch Jens Classen als Regisseur Lloyd Dallas, der gleich zu Beginn inmitten des Publikums seine Anweisungen gibt und Walter Ludwig als Inspizient Tim Allgood, der immer bereit sein muss, für den Whiskey liebhabenden Einbrecher einzuspringen …

Wenn ihr nun endgültig die Übersicht verloren habt, kein Problem. Macht euch auf nach Kobersdorf und genießt einen wunderbaren Abend mit viel Unterhaltungskomik. Gespielt wird noch bis Sonntag, den 26. Juli 2026, jeweils von Donnerstag bis Sonntag; Restkarten sind derzeit noch verfügbar.
Der Burggraben
Ob vor der Aufführung, danach oder in der Pause empfehle ich euch einen Besuch im Burggraben. Hier gibt es nicht nur Kobersdorfer Schlossspiele-Bier und Wein, sondern auch – neben Schnitzelsemmeln und allerlei anderen Köstlichkeiten – meine geliebten Grammelpogatscherl. Probiert sie: ein Traum.
Ausstellung in der ehemaligen Synagoge von Kobersdorf
Die ehemalige Kobersdorfer Synagoge ist an jedem Aufführungstag ab 18:30 Uhr geöffnet und zeigt heuer eine Ausstellung mit Bildern von Manfred Bockelmann, der großformatige Schwarz-Weiß Porträts von Kindern und Jugendlichen malte, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.

Bockelmann, der ältere Bruder von Udo Jürgens, begann bereits vor 15 Jahren mit diesem Projekt, das erstmals 2013 im Wiener Leopold-Museum gezeigt wurde, aber auch schon vor dem Verliner Reichstag oder in New York zu sehen war.

Manche der Kinderfotos sind aus Familienalben entnommen und die Kinder schauen unbeschwert und fast fröhlich in die Kamera, andere wiederum scheinen bereits die Vorahnung des Grauens zu haben, das auf sie wartet.

„Ich möchte zumindest einigen Namen und Nummern Gesichter geben, ein paar Kinder und jugendliche Opfer aus der Anonymität der Statistik herausheben!“
Manfred Bockelmann

Dieses Ziel ist eindrucksvoll gelungen. Wer vor der Vorstellung Zeit hat, sollte diese Ausstellung unbedingt besuchen.
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