Die neue Jahresschau im Dom Museum Wien beleuchtet das widersprüchliche Verhältnis zwischen Menschen und Tier.
Während wir auf der einen Seite unsere Haustiere nahezu als Familienmitglieder betrachten und ihnen große Zuneigung entgegenbringen, haben die meisten von uns keine Bedenken durch unsere Einkäufe die Produktion von „billigem Fleisch“ und dementsprechend schlechten Haltungsbedingungen unserer „Nutztiere“ zu fördern. Und das ist nur ein Aspekt des ambivalenten Verhaltens von Menschen zum Tier.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht daher das wechselhafte Verhältnis zwischen Menschen und anderen Lebewesen: Menschen halten Tiere als Gefährten, züchten sie, machen sie zu Prestigeobjekten, nutzen sie für Arbeit und Nahrung oder erklären sie zu Symbolen. Doch langsam wächst auch das Bewusstsein, Tiere nicht nur als passive Objekte menschlicher Interessen zu begreifen, sondern dass sie auch über eigene Wahrnehmungs-, Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten verfügen.

In der Ausstellung, die sich in fünf Themenbereiche gliedert, wird die christliche Bildtradition ebenso einbezogen wie Debatten über Klimawandel, Artensterben und den sogenannten Animal Turn.

Ich möchte euch nun auf einen kleinen Ausstellungsrundgang mitnehmen und euch kurz meine Highlights präsentieren.
Die Ausstellung beginnt eigentlich schon an der Wendeltreppe zum Otto Mauer-Raum, da sich hier Arbeiten von Werner Feiersinger befinden, der sich in Wien auf die Suche nach Tierdarstellungen im öffentlichen Raum begab und diese, die oft nur beiläufig oder gar nicht von uns wahrgenommen werden, dokumentierte.

Im Otto Mauer-Raum rückt der „älteste Gefährte“ des Menschen in den Mittelpunkt. Hier haben mich vor allem zwei Kunstwerke berührt, wobei das erste eigentlich gar keinen Hund darstellt.

Ein monumentaler Wasserspeier vom Stephansdom wacht hier am Eingang in die weiteren Ausstellungsräume. Seine aufgerichtete Gestalt erinnert anders als sein Platz am Stephansdom an einen zum Himmel jaulenden Hund. Gegenüber sitzt ein winziges Schoßhündchen auf einem Stockerl: Flora N. Galowitz‘ „Versuch einer Kleintierplastik“ ein Hund aus Alufolie in einem Guss gefertigt und trotzdem wirkt er irgendwie lebendig.
Ambivalente Berührungspunkte
Im nächsten Raum treffen wir auf die Widersprüche des Alltags. Wir umsorgen und lieben unsere Haustiere, während wir andere Tiere jagen, essen und bekämpfen oder nutzen sie als Statussymbole. Unser Blick auf die Tiere – zugespitzt oder in umgekehrter Hierarchie – sagt immer auch etwas über menschliche Selbstbilder, soziale Ordnungen und kulturelle Wertvorstellungen aus.

Beeindruckt hat mich hier weniger das große Porträt des Jagdhundes, sondern das in einer Nische ausgestellte Halsband, das – kunstvoll gefertigt – wohl eher den Status des Besitzers zeigen sollte, als eine Nützlichkeit für den Hund brachte.

Interessant auch die Videoarbeit von Luzia Hürzeler „Selbstporträt für die Katz“, die ihren Kopf aus Katzenfutter formte, der genüsslich von ihrer Katze verspeist wird und damit die gewohnte Rollenverteilung zwischen Mensch und Tier umkehrt.

Ein paar Schritte weiter verschiebt sich der Fokus aus Macht, Geschlecht und Krieg – hier finde ich besonders Ferdinand Rauchs Landschaft mit Paar zu Pferd (1844) interessant, das eine scheinbar idyllische Szene zeigt, jedoch deutlichst die damalige Hierarchie der Geschlechterrollen zeigt: Während der Mann auf einem großen weißen Pferd sitzt, reitet die Frau auf einem sehr kleinen braunen Pferd neben ihm.

Einen guten Kontrast dazu liefert Valie Export mit einer Fotografie aus der „Mappe der Hundigkeit“, die zeigt, wie sie Peter Weibel an einer Hundeleine durch die Wiener Innenstadt führte.
Gejagt, gequält, gegessen
Dieses, bewusst drastisch benannte Kapitel richtet den Blick auf jene Formen der Gewalt, die wir im Alltag gerne ausblenden. Jagdstilleben, eine verletzte Tierhaut, das Bild eines Rehs von Gabriele Rothemann aus der Serie „Tote Tiere“, das das Tier in einer Art Schwebezustand zwischen Leben und Tod zeigt. Der Betrachter hat den Anschein, als wäre es imstande trotz seiner tödlichen Wunde seinen Weg jederzeit fortsetzen zu können.

Am meisten berührt hat mich jedoch die Arbeit von Deborah Sengl „Ohne Maßstab“ mit der sie die Gewalt wissenschaftlicher Tiernutzung offenlegt. Wenn man sie genau betrachtet, kann man erkennen, dass hier die Menschen von den Mäusen als Versuchstiere in den Laboratorien benutzt werden.

Sehr spannend fand ich die Arbeit von Alexander Kontriner, die für die Ausstellung fünfzehn Zeichnungen von Insektenarten anfertigte, die in Österreich vom Aussterben bedroht sind. Zuerst dachte ich, dass es „echte“ Insekten sind, die diese Sammlung darstellen.

Erst wenn man ganz genau hinschaut, merkt man, dass es sich um Zeichnungen handelt – was für eine Präzision und Genauigkeit wohl notwendig war, um diese Werke zu schaffen. Übrigens: die Hängung der Bilder ist nicht „zufällig“ – die leeren Stellen sollen an jene Insekten erinnern, die bereits ausgestorben sind.

Bei einer weiteren zeitgenössischen Arbeit werden Nutztiere zu möglichen Akteuren des Widerstandes und selbst Fliegen und Kakerlaken erhalten Würde und Präsenz und stellen damit die gewohnte Ordnung infrage.

Damit laden sie ein, Tiere nicht ausschließlich nach ihrem Nutzen oder ihrer Attraktivität zu bewerten. Oft kann das Verschwinden solcher „Schädlinge“ tiefgreifende Folgen für ganze Ökosysteme nach sich ziehen.
Wandelbare Zeichen
Seit Jahrhunderten dienen Tiere dazu, Unsichtbares und Abstraktes auszudrücken. Die Schlange kann für Verführung und Unheil, aber auch für Heilung stehen. Die Taube verweist in der christlichen Ikonografie auf den Heiligen Geist und Papagei, Pfau, Hase oder Heuschrecke tragen je nach Epoche und Kultur unterschiedliche Bedeutungen. Es sind menschliche Deutungen, die sich je nach Blickwinkel wandeln können und keine festen Eigenschaften der Tiere.

Hier hat mich besonders Michèle Pagels Skulptur „Plague“ angesprochen, die mittels Heuschrecken aus glasierten Ziegeln auf biblische Plagen und alte Mythen anspielt, die aber auch heute noch reale Bedrohungen darstellen können.

Guadalupe Salgados „Tlacuache” wird sicher der Liebling aller jungen Besucher der Ausstellung. Die Arbeit verweist auf das Opossum des mesoamerikanischen Schöpfungsmythos: In einer Zeit, wo Mensch und Tier gemeinsam gelebt haben und auch miteinander kommunizieren konnten, merkte das Opossum, dass die Menschen leiden, da sie kein Feuer hatten.
Die Menschen taten dem Tier leid und so ist es zu den Göttern gegangen, hat das Feuer gestohlen und es den Menschen gebracht. Und da es seinen Schwanz für den „Transport“ des Feuers benutzte, hat das Opossum auch heute noch keine Haare am Schwanz.
Nicht nur, dass die Arbeit von Guadalupe Salgados schon so kuschelig aussieht, hat mich die Figur gleich an die Ice Age Filme erinnert. Wobei ich gestehen muss, dass ich zuerst an Sid (ist aber ein Faultier!) und erst im Weiteren dann an die beiden Brüder Crash und Eddie gedacht habe …

In diesem Themenbereich findet sich auch die Arbeit von Graciela Iturbides „Nuestra Señora de las Iguanas“, die die Marktfrau Sobeida Díaz zeigt. Mehrere lebende Leguane bilden auf ihrem Kopf eine Art Krone oder Strahlenkranz und erinnern an einen Heiligenschein, der der Porträtierten eine beinahe sakrale Aura verleiht, ohne sich eindeutig einer religiösen Tradition zuordnen zu lassen. Mensch und Tier erscheinen hier als Teil einer gemeinsamen kulturellen und spirituellen Lebenswelt.
Dieses Foto ist auch Plakatmotiv und Key Visual der Ausstellung.
Ausgestellt und eingesperrt
Tiere als Prestigeobjekte, „exotische“ Attraktionen und Bewohner*innen von Menagerien, Zoos und Gehegen. Seltene Tiere galten in Europa lange Zeit als Zeichen von Reichtum und globaler Verfügungsmacht. In Jan Stolkers großformatigen Familienporträt von 1766 ist so ein damaliges Prestigeobjekt zu sehen: ein Meerschweinchen.

Ein Tier, das damals im Zuge der kolonialen Expansion nach Europa gelangte und hier zum Statussymbol wurde – während es in seiner Heimat gegessen wurde. Das Bild macht aber auch deutlich, wie eng Tierhaltung, Status und globaler Handel miteinander verflochten waren.
Aber auch Pfaue, Papageien und andere kostbare Züchtungen wurden genutzt, um Reichtum und Status zu dokumentieren.
Die leeren Tiergehege aus der Serie „Enclosures“ von Joanna Piotrowska zeigen durch die Abwesenheit der Tiere die Strukturen ihrer Unterbringung umso deutlicher.
Koexistenz der Kreaturen
Das letzte Kapitel öffnet den Blick auf alternative Modelle des Zusammenlebens, bei denen sich Menschen nicht als Mittelpunkt der Schöpfung, sondern als Teil des gemeinsamen Kosmos sehen. Tiere erscheinen als schöpferische Kräfte, Kommunikationspartner und Wesen mit eigener Handlungsmacht.

In diesem Kapitel haben mich besonders die Inuit-Grafiken aus Kinngait (ehemals Cape DorsetI beeindruckt, die Tiere und Menschen als eng verbundene Wesen sehen, die ihre Gestalt wechseln können und von einem fragilen Gleichgewicht zwischen menschlicher, tierischer und geistiger Existenz erzählen. Vielleicht tragen diese Menschen mehr Weisheit in sich als wir mit unserer reichen Wissenschaft.

Auch Oskar Laskes „Die Fischpredigt“ ist ein wunderbares Bild, das eine Welt zeigt, in der Menschen und Tiere durch Kommunikation verbunden sind. Interessant war für mich, dass hier nicht der Heilige Franziskus von Assisi dargestellt ist, sondern der Heilige Antonius den Fischen predigt.

Patricia Piccininis Skulptur „Unfurled“, die ein Mädchen und eine Eule zeigt, die anscheinend denselben Erfahrungsraum teilen, hat mich ebenfalls angesprochen, wie auch Robert Gabris‘ „Anatomical Folding Books“: fragile, flügelartige Formen aus Karton, die an Insekten, Körperteile, Federn oder unbekannte Lebensformen erinnern, vieldeutige Bilderwelten, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen.

Danach führt der Weg durch die Dauerausstellung (die man sich auf jeden Fall auch ansehen sollte) zur raumfüllenden Installation von Konstanze Stoiber die nicht nur die Aussicht, sondern einen direkten Bezug zum Stephansdom herstellt. Sie entwickelte ausgehend von Vogeldarstellungen und -symboliken im letzten Raum eine atmosphärische Bildsprache, in der sich historische Motive in malerische Strukturen, Farbflächen und Assoziationsräume verwandeln, dabei greift sie oft übersehene Erscheinungsformen der Vögel auf und übersetzt sie in eine Bildwelt, die zwischen Sichtbarkeit und Entzug oszilliert.

Unterstützt wird der Eindruck durch einen „Uguisubari“, einen japanischen Nachtigallenboden, der beim Treten auf die Bodenbretter zwitschert und den Gesang der Vögel hörbar macht, sie selbst aber unsichtbar bleiben.
Eine Ausstellung, die keine fertige Antwort gibt, aber jede Besucherin und jeden Besucher dazu einlädt über sein persönliches Verhältnis zu Tieren nachzudenken: Was verändert sich, wenn die Grenze zwischen Mensch und Tier weniger absolut gedacht wird? Welche Verantwortung haben wir im Umgang mit verletzlichen Lebensformen? Könnte ein anderes Verhältnis zu Tieren auch neue Formen des menschlichen Zusammenlebens ermöglichen?
Anschauen. Hingehen. Nachdenken.

Das Dom Museum Wien ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Donnerstag von 10:00 bis 20:00 Uhr. An gesetzlichen Feiertagen ist geschlossen. Am 24. und 31. Dezember schließt das Museum um 14:00 Uhr. Letzter Einlass in die Ausstellungen ist eine halbe Stunde vor Schließzeit.
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