Eine Ausstellung im Lentos Kunstmuseum in Linz lässt uns bis 10.5.2026 nachdenken, wie diese Welt ohne uns aussehen könnte …
Alan Weismann hat sich in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel bereits 2007 mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt. Was würde passieren und wie würde die Welt ausschauen, wenn der Mensch auf einmal verschwinden würde?

Das Lentos stellt dieses Gedankenexperiment nun mit ausgewählten Kunstwerken nach.

Für manche scheint es ein unmöglicher Gedanke zu sein, dass die Menschheit verschwinden könnte – und die in schwarz gehüllten Ausstellungsräume scheinen die Angst davor noch zu verstärken.

Ich finde allerdings, dass es uns als Menschen gut ansteht, einmal einen Schritt zurückzumachen, zu reflektieren, was wir mit unserem Dasein schon beeinflusst, schon „angerichtet“ haben. Auch der Blick auf die Natur, die auch ohne Mensch und seinen Einfluss „überleben“ kann und wird, schadet nicht. Es ist Zeit, die Krone als König der Schöpfung abzunehmen und wieder ein bisschen leiser zu treten…

Die Ausstellung im Lentos erklärt nicht wie es zu „unserem“ Verschwinden kam oder kommen wird, sie bietet auch keine Lösungen an, wie unser „Verschwinden“ verhindert werden könnte. Aber sie bietet in toller Atmosphäre wunderschöne Kunstwerke von Dürer bis in die Neuzeit an, die zum Innehalten und Nachdenken einladen.

Die Ausstellung im Untergeschoss des Lentos ist in vier Leitmotive gegliedert: Das Verschwinden (das Ende des Anthropozäns), Deep Time, Deep Space und Cosmic Horror.

Wie bei all meinen Ausstellungsbesuchen möchte ich euch wieder zu meinen Highlights mitnehmen, in der Schau könnt ihr aber noch einiges mehr sehen.
Martin Walde
Gleich zu Beginn wartet im ersten Raum die „Hallucigenia“ von Martin Walde auf uns. Das Kunstwerk geht zurück auf einen Fund von Fossilien aus 1909, bei dem in feinem Schiefer auch die Abdrücke von Weichteilen erhalten geblieben sind, wobei einige der Fossilien einen so fremdartigen Körperbau aufwiesen, dass sie keiner der bekannten Tierklassen zugeordnet werden konnten. „Hallucigenia“ wurde der Fund benannt, zuerst auf Stacheln stehend rekonstruiert, später auf seinen tentakelartigen Fortsätzen sich fortbewegend.

Diese Unsicherheiten in der Einordung faszinieren Martin Walde seit 1986 an diesem Fossil. Seine Hallucigenia-Rekonstruktionen bestehen aus dünnwandigen geblasenen Glaskörpern, die mit verschiedenen Edelgasen gefüllt sind und durch Hochfrequenztechnik zum Leuchten gebracht werden.
Anna Jermolaewa
Im Video Chernobyl Safari zeigt uns Anna Jermolaewa wie sich in der 30km großen Schutzzone rund um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl die Natur ihre Welt zurückerobert.

Es ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel wie die Welt ohne uns aussehen könnte. Obwohl für den Menschen die Fläche nicht mehr auf viele Jahre nutzbar ist, erobern sich Pflanzen und Tiere die Umgebung wieder zurück.
Darum (Victoris Halper und Kai Krösche)
Die 8-minütige VR-Arbeit Goto10 von Darum zeigt uns eine Welt die nur mehr im digitalen Raum präsent ist und stellt die Frage, was von uns bleibt, wenn selbst virtuelle Räume sterben. Ein Mädchen, im „wirklichen“ Leben an Krebs gestorben, kann zwar in der Virtualität viele verschiedene Welten schaffen, doch was passiert, wenn die Server ebenfalls nicht mehr funktionieren?
Markus Proschek
Der „Traveller“ – eine historische Röntgenaufnahme einer Falkenmumie zeigt das schemenhafte Skelett eines Wesens. Bei genauer Betrachtung kann man feststellen, dass es sich nicht um einen Menschen, sondern um einen mumifizierten Falken, bei den Ägypten die Inkarnation des Gottes Horus, handelt.

Die Darstellung scheint wie ein Blick in eine andere Welt, eine andere Dimension. Der Falke scheint zu schweben, wie eine Sonde auf der Reise durch die Zeitalter.
Martin Dammann
In 12.755.000.000 Tage insziniert Dammann von ihm entdeckte Schädel von ausgestorbenen Ur-Säugetieren und einer Schildkröte, die noch unpräpariert mit dem Gestein verbunden sind in einer Videoinstallation.

Sie schweben durch den Raum und erinnern an Szenen aus SciFi-Filmen. Zwölf Milliarden siebenhundertfünfundfünzig Millionen Tage entsprechen den fast 35 Millionen Jahren, vor denen diese Tiere gelebt haben.
Katharina Sieverding
Die Sonne um Mitternacht schauen zeigt eine aus tausenden NASA-Aufnahmen zusammengesetzte Oberfläche der Sonne. Verwirrend für mich, aber nicht weniger schön, wird die Sonne hier zum blauen Planeten, der in seiner leuchtenden Farbigkeit den Raum dominiert.

Davor findet sich eine historische Shiva-Nataraja Figur, die die kosmischen Zyklen von Schöpfung und Zerstörung verkörpert.

Während sich in Albrecht Dürer´s Melencolia I Schwermut mit einem Nachdenken über das Unbekannte verbindet und man in diesem Bild die erste realistische Darstellung eines Meteoriten in der Kunstgeschichte sehen kann, stehen ihm gegenüber gleich zwei „echte“ Meteoriten, Leihgaben des Naturhistorischen Museums in Wien, das eine der größten Meteoritensammlungen der Welt besitzt.

Wobei gesagt werden muss, dass nur ein Ausstellungsstück wirklich vom Himmel fiel, beim zweiten handelt es sich um einen historischen Gipsabdruck des Meteoriten von Hraschina. Jener gilt jedoch als „Gründungsmeteorit“ der Sammlung.

H.R. Giger
SciFi-Fans und Freunde des Films von Ridley Scott Alien werden sich sicher über den Xenomorph freuen, der mir allerdings bei der Erinnerung an den Film ein leichtes Gruseln verursacht.

Mark Fridvalszki
Da kann man nur hoffen, dass die goldene Schallplatte, die mit der Raumsonde Voyager 2 ins All und nun schon über die Grenzen unseres Sonnensystems hinausgeschossen wurde und „Greetings of the Earth“ zu fremden intelligenten Wesen bringen soll, auch richtig verstanden wird und diese die Grüße wohlwollend aufnehmen. In seinem Bild (The Voyager Legacy) nimmt Mark Fridvalszki auf diese Aktion Bezug.

Das sind nur einige der rund 30 Werke, die zum Thema der Ausstellung wie auch zueinander in Bezug stehen. In der Schau sind Arbeiten folgender Künstler*innen zu sehen: Klemens Brosch, Martin Dammann, DARUM (Victoria Halper und Kai Krösche), Albrecht Dürer, Mark Fridvalszki, Sophia Gatzkan, H.R. Giger, Anna Jermolaewa, Alfred Kubin, Nicolás Lamas, Angelika Loderer, Christian Kosmas Mayer, Nika Neelova, Markus Proschek, Natalia Domínguez Rangel, Katharina Sieverding, Philip Topolovac, Chin Tsao, Martin Walde, Michał Zawada.

Das Lentos ist Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Donnerstag bis 20:00 Uhr. Montag ist das Museum geschlossen. Tickets können auch online gekauft werden: https://kupfticket.com/events/ticketlentoskunstmuseumlinz

Weitere Infos über die Ausstellungen und das Rahmenprogramm findet ihr hier: https://www.lentos.at/ausstellungen/the-world-without-us
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