Gerade war ich nachdenklich aus Linz zurückgekommen, wo eine prämierte Installation am Ars Electronica Festival den Verlust von Kunst- und Kulturgegenständen durch die Kolonisation beklagte, als das Weltmuseum die Pop Up-Ausstellung über die Ishír eröffnete.
Ich glaube, dass das Weltmuseum Wien mit seinen Angeboten viel richtig macht: man versucht gemeinsam mit Herkunftsgemeinschaften Ausstellungen zu entwickeln, öffnet das Archiv, ist aktiv in der Provenienzforschung.

Denn natürlich lagern auch in den Beständen dieses Museums Stücke, die – aus heutiger Sicht – nicht auf „legale“ Weise in den Besitz kamen. Eine Ausstellung, die mit der Herkunftsgemeinschaft entstand, die versucht, die Vergangenheit und die Gegenwart zu verbinden, ist daher ein schöner Anlass, das Museum wieder einmal aufzusuchen.
Wie es zu der Ausstellung kam
Bei einer Ausstellung begegnete die Kuratorin der Ausstellung die Ishír Künstlerin Salmi López Balbuena und lud sie ein, sich im Depot des Weltmuseums umzusehen, da zu dieser Zeit nichts aus Paraguay ausgestellt war und ihr auch die Gruppe der Ishír nicht bekannt war.

Groß war daher die Überraschung als die Künstlerin Gegenstände aus ihrer Heimat in der Sammlung von Guido Boggiani über die Chamacoco erkannte und sich herausstellte, dass Chamacoco der frühere Name der Ishír war. So wurde schnell die Idee einer Ausstellung geboren und auch in relativ kurzer Zeit und mit Hilfe des Lateinamerika-Instituts umgesetzt.
Wer war Guido Boggiani
Guido Boggiani kam aus Italien und war in seiner Heimat als Landschaftsmaler sehr erfolgreich. Er reiste nach Südamerika und widmete sich dort zunehmend der Fotografie und der ethnografischen Forschung. Im Gran Chaco dokumentierte Boggiani nicht nur das Leben der Ishír, sondern er lebte mit ihnen, fotografierte ihren Alltag und legte eine außergewöhnliche Sammlung an.

1902 verschwand er im Chaco, erst zwei Jahre später wurde sein Leichnam, seine Kamera und vergrabene Glasnegative gefunden.

Allerdings konnten die Hintergründe seines Todes nie restlos geklärt werden. Ein Teil seiner Sammlung gelangte jedenfalls nach Wien und bereichert das Archiv des Weltmuseums.
Die Ausstellung
Die derzeitige Ausstellung zeigt aber nicht nur Vergangenes, sondern stellt auch die Frage, wie die Ishír heute an ihr kulturelles Erbe denken, es deuten und mit ihrer Gegenwart in Beziehung setzen.

Es wird die Geschichte und Kultur der Ishír thematisiert, aber auch die heutigen Lebensumstände in Paraguay, die politischen Konflikte um Landrechte und den Erhalt ihres Lebensraumes im Gran Chaco. Gegenüber gestellt werden zeitgenössische künstlerische Arbeiten der Ishír, die zeigen wie eng Wissen, Natur und kulturelle Erinnerung miteinander verbunden sind, mit Gegenstände der Sammlung, wie Objekte zur Jagd, zum Sammeln, verwendete Materialien und Schamanismus, sowie historische Fotografien.

Zugleich wird aber auch an die schwierige Situation der Ishír im Gran Chaco von heute erinnert. Der Gran Chaco zählt zu den größten Naturräumen Südamerikas: Er ist für die Ishír Lebensraum, Wissensspeicher und Teil ihrer Mythologie. Geschichten und Rituale, das Wissen um Pflanzen und Tiere wurde über Generationen weitergegeben und prägt die kulturelle Identität bis heute.

Doch in der Gegenwart muss sich die heute rund 1.500 Personen umfassende Gemeinschaft vielen negativen Veränderungen auseinandersetzen: Illegale Abholzung, Landraub und die Ausweitung landwirtschaftlicher Monokulturen zerstören große Teile des Waldes und damit ihren Lebensraum. Daher leben viele Ishír heute bereits außerhalb ihrer traditionellen Siedlungsgebiete und ihrer Sprache. Überliefertes Wissen und kulturelle Praktiken geraten mehr und mehr unter Druck.

Es sind großartige Werke von einst und heute in der Ausstellung zu sehen. Kleine Taschen aus Pflanzenfasern, die zum Sammeln verwendet wurde, wunderschöner Federnkopfschmuck, der mich immer am meisten begeistert, Sandalen aus dem Fell des Ameisenbär und Pflanzenfasern, Fotografien aus der Sammlung. Und dann gegenübergestellt zeitgenössische Bilder mit einer unglaublichen Leuchtkraft der Farben, die den Betrachter in eine mystische Welt mit hineinnehmen.

Wie wichtig solche Ausstellungen nicht nur für uns sind, um andere Völker, deren Geschichte und Lebensweisen kennenzulernen, sondern dass die Sammlung und Ausstellung auch für – in diesem Fall – die Ishír wichtig ist, zeigt sich an der Reaktion der Künstlerin Salmi Balbuena, als sie die historischen Objekte im Depot sah und wieder erkannte:
„Als ich die Federobjekte sah, wusste ich nicht, ob ich vor Freude lachen oder weinen sollte. Für mich war es ein großer Stolz diese Federobjekte zu sehen. Die Objekte zu sehen, die Guido Boggiani gesammelt hatte, in einer lang vergangenen Zeit, bedeutet mir viel. Mein Wunsch, mein Traum ist, dass sie weiterhin gezeigt werden, […] dass die Objekte gezeigt werden, die für uns heilig und von großer Bedeutung sind, denn nicht jeder darf sie benutzen.“

Am besten hingehen, anschauen und Neues wie Altes aus einer fremden Welt kennenlernen.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm und Führungen. Genaueres findet ihr hier.

Das Weltmuseum ist täglich außer Montag von 10:00 – 18:00 Uhr geöffnet. Dienstag von 10:00 bis 21:00 Uhr.
Tickets können hier online (mit einem Time-Slot) gebucht werden.
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