Bei der Präsentation des Fakultätsbildes „Medizin“ war der Skandal und die Ablehnung der ehrwürdigen Mediziner groß. Nun scheint man sich mit Klimt versöhnt zu haben.
Die Vorstellung der Klimtschen Fakultätsbilder lösten im Wien zur Jahrhundertwende einen veritablen Skandal aus. Neben der „Philosophie“ war auch die „Medizin“ äußerst umstritten und wurde von den damaligen Professoren mehr oder weniger einhellig abgelehnt. Nur wenige, wie Emil Zuckerkandl standen auf der Seite von Klimt.

Schließlich zog Klimt alle seine Bilder zurück, retournierte sein Honorar und verkaufte die „Philosophie“ umgehend an die Familie Lederer.

Die „Medizin“ kam schließlich in den Besitz der Österreichichen Galerie. In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges wurde die "Medizin" und andere Bilder Klimts nach Schloss Immendorf überstellt, um sie vor der Zerstörung durch Kriegseinwirkungen zu schützen. Allerdings brach dort am 8. Mai 1945 ein Feuer aus (oder wurde gelegt), dass das Bild mit vielen anderen vernichtete.
Wieso war die Ablehnung so groß?
Klimts Darstellung entsprach weder den Erwartungen noch dem „Aufgabenbriefing“ des Ministeriums und der Professorenschaft. Wahrscheinlich hatte man eher die Verherrlichung der Errungenschaften der Medizin erwartet, die Fortschritte, die in der Heilung der Menschen und in der Wissenschaft gemacht wurden. Immerhin galt die Zweite Medizinische Schule von Wien damals als eine der weltbesten.

Klimt jedoch präsentierte den Lebenskreis – vom Werden und Vergehen. Wenn auch Hygieia, die Schutzpatron der Medizin im unteren Drittel im Mittelpunkt steht, so zeigt der Menschenstrom über ihr mit einem Skelett in der Mitte eher das Vergehen des Lebens, während die nackte Frau auf der linken Seite den Beginn des Lebens versinnbilden soll, Leben gebend, aber mit einer Hand ebenfalls in den Lebenskreislauf eingetaucht.

Der Professorenschar war das Bild zu pessimistisch und auch die nackten Gestalten wurden nicht nur von ihnen, sondern auch in und von der Öffentlichkeit – unter anderem auch von Karl Kraus in der Fackel – abgelehnt.
Die „Wiedererweckung“ 2024
Vom Fakultätsbild „Medizin“ waren nur Entwürfe und Schwarz-Weiß-Fotografien erhalten. Farbige Details waren nur von der in Rot und Gold gehaltenen Gestalt der Hygieia bekannt. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz rekonstruierte das Belvedere und Google Arts & Culture in einem gemeinsamen Projekt die Farbigkeit des kompletten Bildes. Das Resultat kehrte zwar nicht an ihren ursprünglichen geplanten Platz an der Decke der Universität Wien zurück, aber schmückt nun die Fassade des neuen Anna-Spiegel-Forschungsgebäudes am MedUni Campus AKH.

Ich habe mich nach dem Besuch der Ausstellung gleich auf den Weg dorthin gemacht. Der Platz ist zwar nicht ganz leicht zu finden und ich hätte mir einen noch prominenteren Ort für das Bild gewünscht, aber immerhin – Klimt und die MedUni scheinen sich versöhnt zu haben.
Die neue Ausstellung im Josephinum
Vom 26.3-28.6.2026 zeigt das Josephinum eine Ausstellung, die mir einen neuen Blick auf die Werke von Gustav Klimt ermöglichte und die man als Klimt-Fan keinesfalls verpassen sollte.

Unter dem Titel „Gustav Klimt und die Medizin. Bilder zum Fluss des Lebens“ geht sie nicht nur auf das Fakultätsbild ein, sondern präsentiert viele Entwürfe und Skizzen und dokumentiert damit nicht nur die Entstehungsgeschichte des Bildes, sondern zeigt die Beschäftigung des Künstlers mit dem Entstehen und Vergehen des Lebens, mit Leben und Tod. Berührend unter anderem das Bild „Toter Säugling“, das Otto Zimmermann, den Sohn des Künstlers zeigt.

Interessant waren für mich aber auch noch andere Details. So wusste ich nicht, dass Klimt mit Adam Politzer, den Wegbereiter der modernen Ohrenheilkunden und dem Anatom Emil Zuckerkandl befreundet war, die ihm neue Zugänge zu Themen wie Anatomie, Krankheit und Vergänglichkeit eröffneten.

Vor allem Emil Zuckerkandl gewährte ihm Einblick in den Seziersaal und in die Arbeit mit dem Mikroskop. Und dann finden sich in den Bildern „Übereinstimmungen“ mit medizinischen „Bildern“ unter dem Mikroskop. Lassen wir es am besten vom Rektor der MedUni Wien, Markus Müller erklären (sorry, für die schlechte Tonqualität):
Für mich waren es immer nur – wunderschöne – Ornamente, wenn man sie allerdings mit Bildern von einzelnen Zellen unter dem Mikroskop vergleicht, ergeben sich ziemliche Übereinstimmungen und diese Erkenntnis macht sichtbar, „ … wie eng Kunst, Wissenschaft und medizinischer Fortschritt zu dieser Zeit miteinander verwoben waren und wie sehr dieser interdisziplinäre Dialog Klimts Werk geprägt hat. Damit eröffnet die Ausstellung zugleich einen neuen Blick auf die Medizin als kulturelle und gesellschaftliche Kraft“, worauf Markus Müller auch bei der Ausstellungseröffnung hinwies.

Mit diesem Wissen bekommen einzelne Bilder eine zusätzliche, vielleicht sogar andere, auf jeden Fall aber eine erweiterte Bedeutung. Und abgesehen davon freut es mich sehr, wenn wieder mehr interdisziplinär gedacht wird und man aus den Elfenbeintürmen der fachspezifischen Sicht herauskommt.

Rund 25 originale Klimt-Zeichnungen werden im historischen Hörsaal des Josephinum gezeigt. Sie stammen nicht nur aus renommierten österreichischen Institutionen und Sammlungen, sondern auch von ausgewählten Privatsammler*innen, deren Bilder bislang selten öffentlich zugänglich waren.

Klimts Arbeitsprozesse, seine Auseinandersetzung mit Körperlichkeit und seine intensive Beschäftigung mit der Darstellung von Geburt, Leben und Tod werden dadurch verdeutlicht und mit medizinhistorischen Exponaten aus der Sammlung des Josephinum ergänzt.
Hier eine Kurzübersicht von Kurator Tobias G. Natter:
Wer – so wie ich – noch nie das Josephinum als Museum besucht hat, sollte vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit mitbringen und sich auch die anderen Sammlungsausstellungen wie die weltberühmte Sammlung der anatomischen Wachsmodelle, die Joseph II. für die Gründung der Institution anschaffen ließ, ansehen.

Das Josephinum ist von Mittwoch bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr und am Donnerstag auch bis 20:00 Uhr geöffnet.

Führungen finden während der Ausstellung jeden Samstag um 15:00 Uhr in Englisch und jeden Sonntag um 11:00 Uhr und um 15:00 Uhr in Deutsch statt. Eine Anmeldung zu den Führungen ist erforderlich.

Zur Ausstellung ist auch ein reich illustrierter Katalog mit Fachbeiträgen aus Philosophie, Kunstgeschichte und Medizin im Verlag Prestel mit einem Umfang von 240 Seiten erschienen.
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