HistoGenes ist ein einzigartiges Projekt, dessen zum Teil überraschende Ergebnisse nun in einer Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum gezeigt werden.
Einzigartig ist auch, dass hier vier Wissenschaftsdisziplinen – Geschichte, Anthropologie, Genetik und Archäologie – zusammengearbeitet haben und es dadurch möglich war und sicher noch mehr wird, uns einen einzigartigen Blick in die Vergangenheit zu ermöglichen. Die Wissenschaftler*Innen kommen aus den verschiedenen europäischen Ländern (das Projekt ist auch von der EU kofinanziert), Daten wurden auch in den USA ausgewertet.

Einzigartig und durch die fächerübergreifende Zusammenarbeit möglich gemacht, konnten erstmals 7.700 Bestattungen aus der Zeit zwischen 400 und 900 n.Chr. mit den modernsten genetischen, anthropologischen, archäologischen und historischen Methoden analysiert werden und einer detaillierten Spurensuche an Knochen, Genen, Fundstücken und Schriftstücken untersucht.

Einzigartig, dass in Österreich zwei Gräberfelder – in Leobersdorf und in Mödling (international waren es ca. 100 beprobte Gräberfelder aus dem Karpatenbecken) untersucht wurden und überraschende Ergebnisse lieferten.

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresse stand die Bevölkerungsgeschichte Ostmitteleuropas von ca. 400 bis 900 n.Chr., eine Zeit der großen Veränderungen: der Zerfall des Römischen Reiches, die „Völkerwanderungszeit“, die Entstehung neuer Königreiche und Völker, die Slawisierung Osteuropas und die Christianisierung vieler Regionen.

Kleiner Einschub
Allen Stimmen, die jetzt laut werden könnten, à la „Zu was brauch ma des? Dafür hat die EU a Geld? Was interessiert mich die Vergangenheit?“ möchte ich entgegenhalten, wie sehr wir das brauchen:
- Man sollte wissen, woher man kommt, um wissen zu können wohin man gehen will
- Viele Urteile/Mythen aus der Vergangenheit beeinflussen noch heute unsere Handlungen und zum Teil auch unsere Einstellungen
- Je genauer wir wissen, woher wir kommen, wie unsere Vorfahren gelebt haben, umso eher können wir mit eben diesen Mythen aufräumen
- Es ist einfach faszinierend, was man mit den heutigen Mitteln der Wissenschaft herausfinden kann
- Man kann aus diesem Projekt auch einiges für gegenwärtige Probleme ablesen
Doch nun zu einigen Ergebnissen und zur Ausstellung.
Das große Thema
Das Karpatenbecken (im Wesentlichen das Gebiet des heutigen Ungarn und die anschließenden Ebenen), aber auch Ostösterreich, Kärnten, Ostdeutschland, Mähren, Slowakei, Slowenien, Nordserbien und Siebenbürgen waren in der Zeit von 400 bis 900 n.Chr. besonders stark von historisch bezeugten Wanderungen, politischen Umbrüchen und Bevölkerungsveränderungen betroffen. Die Auswirkungen dieser Migration auf die Bevölkerungsentwicklung aber bis jetzt ungeklärt.

Wechselten nur die herrschenden Gruppen oder änderte sich die gesamte Bevölkerung, ihre Lebensumstände? Was geschah mit der römerzeitlichen Bevölkerung? Woher kamen die Hunnen, was für einen Einfluss hatten sie auf die weitere Bevölkerungsentwicklung?

Welche Auswirkungen hatten Einzug und Herrschaft der Völker germanischer Sprache, wie z.B. Goten und Langobarden? Woher kamen die Awaren? Wie breiteten sich die Slawen über Teile Mittel- und Osteuropa aus?
Die Ausstellung
Die Sonderschau im Naturhistorischen Museum, die vom 14.10.2026-26.7.2027 widmet sich nicht nur den Ergebnissen der Forschungen über die zwei österreichischen Gräberfelder, sondern gibt auf der einen Seite mittels Videos einen Überblick über die „Völkerwanderungszeit“, zeigt aber auch die Schwerpunkte und Beiträge auf, mit denen die Wissenschaftsdisziplinen - Genetik, Anthropologie, Archäologie und Geschichte – beim Entschlüsseln der Rätsel beteiligt waren.

Gleich beim Betreten der Ausstellung kann man sich in der ersten Station über die jeweilige Disziplin, ihre wichtigsten Methoden und der Bedeutung von interdisziplinärer Arbeit informieren.

Drei weiterer Stationen bilden den äußeren Ring um den Mittelpunkt der Ausstellung. Eine widmet sich den Themen Mobilität und Migration. Themen, die nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart eine große Rolle spielen. Die zweite beschäftigt sich mit den wichtigsten historischen Ereignissen, die Europa, insbesondere das Karpatenbecken, zur Zeit des Frühmittelalters prägten und die letzte Station informiert über das Projekt HistoGenes und seine wichtigsten Projektergebnisse.
Der Mittelpunkt der Ausstellung
Im Inneren des Raumes befindet sich ein rundes Zentralelement, das die Forschungsergebnisse der beiden awarenzeitlichen Gräberfelder von Mödling (An der Goldenen Stiege) und Leobersdorf (Ziegelei Polsterer) zeigt. Mit einem interaktiven Touchscreen können hier eine Reihe von Fragen über die beiden Gemeinschaften abgerufen werden, Verwandtschaftsverhältnisse und Stammbäume erkundet werden.

Durch dieses interdisziplinäre Projekt werden erstmals Verwandtschaftsverhältnisse sichtbar und damit können wir zwischenmenschliche Verbindungen erkennen, die in einer Zeit großer Umbrüche Stabilität gegeben haben.

Acht Stationen für „Details“
Acht weitere Stationen sind um diesen „Leuchttisch“ angeordnet, die weitere Informationen über die Untersuchungsergebnisse geben und die Themen Ernährung, Kindheit, biologische Verwandtschaft, Gesundheit und Krankheit, Mobilität, Gesellschaft, materielle Kultur und Kultur ist nicht Genetik weiter erörtern.

Zwei Ergebnisse haben mich besonders fasziniert:
Kultur ist nicht Genetik
Bei den beiden Gräbern konnte man auf Grund genetischer Untersuchungen feststellen, dass die Mitglieder eines Dorfes asiatischen Ursprungs, jene des anderen jedoch europäischen Ursprungs waren und doch zeigen die Forschungen, dass man beide Dörfer derselben Kultur zuordnen muss.

Die Frauen
In den Gräbern findet man kaum Frauen begraben, die zur Restfamilie in einer verwandtschaftlichen Relation standen. Das bedeutet, dass die Mütter aus anderen Regionen kommen mussten und dass auch die Mädchen von ihrer „Stammfamilie“ zu ihren Männern in andere Dörfer übersiedelten. Wohin die Frauen „auswanderten“ und woher die „Ehefrauen“ kamen, ist eine derzeit ungeklärte Frage.

Die hinterleuchteten Illustrationen versuchen den Besucher*innen das Karpatenbecken im frühen Mittelalter mit seinen Lebensweisen näher zu bringen. Die vier Jahreszeiten kommen und gehen auf den Bildern und gleichzeitig kann man einen Tagesablauf erleben.

Details, zu denen (noch?) keine gesicherte Information vorhanden ist, bleiben vage, aber eines zeigt sich deutlich: Es sind Gemeinschaften, die ihr Leben in einer Zeit der Unruhe und Veränderung gemeinsam gestalten.

So fand ich es auch interessant, dass an den gefundenen Knochen kaum kriegerische Verletzungen festgestellt wurden und auch fast keine Waffen (wie Schwerter) als Grabbeigaben zu finden waren. Es scheint daher eine friedliche Zeit im Karpatenbecken gewesen zu sein.
Aufschlussreich für mich war auch die Tatsache, dass man durch die Funde nicht nur auf Ernährung und Krankheiten Rückschlüsse ziehen kann (wobei die Bewohner unserer Dörfer anscheinend gut ernährt waren, und keinen Mangel litten), sondern dass man auch die Ausbreitung von Pandemie – wie die sog. „justinianische Pest“ feststellen konnte. Ein Video in der Ausstellung gibt darüber und vieles andere Wissenswertes Aufklärung.

Apropos Video: Auf youtube könnt ihr mehr über das Projekt und die durchführenden Wissenschaftler erfahren. HistoGenes hat einen eigenen Kanal, den man abonnieren kann: https://www.youtube.com/@histogenes5071
Hier noch zwei Videos vom HistoGenes-Kanal, die ich sehr interessant finde.
Zur Ausstellung gibt es ein ausführliches Rahmenprogramm, von dem ich euch besonders die Führungen ans Herz legen möchte. Alle Termine findet ihr hier: https://www.nhm.at/besuch/ausstellungen/genchangers

Außerdem ist ein Buch für Kinder ab 9 Jahren erschienen: Das Glasperlen Team. Es zeigt anhand von Glasperlenfunden in mittelalterlichen Gräben wie Wissenschaft methodisch funktioniert und warum es fächerübergreifende Zusammenarbeit braucht, und präsentiert viele verschiedene Berufe und ihre Einsatzmöglichkeiten. Mit Illustrationen von Anna Stemmer-Dvorak.

Das Naturhistorische Museum ist Montag, Donnerstag bis Sonntag von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Mittwoch von 9:00 bis 20:00 Uhr. Dienstag ist das Museum geschlossen. Einlass bis 30 Minuten vor Schließzeit.
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