Michel Jean: Maikan

Es ist nun das dritte Buch, das ich von Michel Jean gelesen habe. Und es ist das berührendste und zugleich jenes, das den Leser mehr als nachdenklich zurücklässt.

Michel Jean: Maikan. Der Wind spricht noch davon

Michel Jean ist Innu und die Geschichten seiner Urgroßmutter und Großmutter, denen er in seinen beiden Büchern Anuk und Kukum ein Denkmal setzt, haben mich sehr berührt. Sie zeichnen das schwere Leben der Autochthonen in Kanada nach, ihre Traditionen, ihre Werte. Dennoch führen sie ein glückliches Leben, sorgen für einander und leben im Einklang mit der Natur.

Diese Lebensweise wird aber mehr und mehr durch die „Einwanderer“ zerstört, die Lebensweise der Innu stört bei der Gier der Weißen nach Bodenschätzen, Priester der verschiedenen Kirchen wollen ihnen ihren „einzigen“ Gott aufzwingen.

Nun habe ich Maikan gelesen und dieses Buch hat mich am meisten erschüttert. Obwohl es all die Grausamkeiten nicht ins letzte Detail ausführt, kann man die Bilder vor seinen Augen sehen und sich ihnen nicht verschließen. 

Es ist die Geschichte von Kindern, die den Authochthonen vom Ende des 19. bis zum Ende des 20.Jahrhunderts einfach weggenommen und in Internate gesteckt wurden. Das letzte Internat wurde erst 1996 geschlossen. Auch Verwandte von Michel Jean waren betroffen, ihnen hat er dieses Buch gewidmet. Es erzählt von drei Jugendlichen (zwei Mädchen, ein Junge), die nach Fort George gebracht werden, um eine „anständige“ Erziehung zu erhalten.

Von einem Tag auf den anderen dürfen sie nicht mehr ihre eigene Sprache sprechen, es werden ihnen die Haare geschnitten, sie werden gedemütigt und missbraucht. Priester und Nonnen vergehen sich an den Kindern, jene, die es nicht tun, schauen einfach weg. Man wollte „den Indianer im Kind töten“ und damit wurden aber auch das Innerste der Kinder umgebracht.

Es muss einfach schrecklich gewesen sein. Spät (wie auch in Österreich bei den Kindern vom Spiegelgrund und an anderen Orten und Ländern) beginnt die kanadische Regierung und Öffentlichkeit diese Verbrechen aufzuarbeiten und bietet Entschädigungen. Das Buch ist auch die Geschichte der Anwältin Audrey Duval, die sich aufmacht um die „verlorenen Kinder“ von damals zu finden.

Drei dieser Kinder scheinen wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Ein Nakota half ihr immer wieder bei ihren Nachforschungen, wird sie auch diesmal erfolgreich sein?

Schließlich findet sie eine davon, Marie Nepton, die sich zurückgezogen von der Dorfgemeinschaft in einem kleinen Dorf ihrer Alkoholsucht hingibt. Doch Andrey bringt sie dazu, vom Internat zu erzählen. Es ist ihre Geschichte – und diese ist wirklich schrecklich.

Auch dieses Buch von Michel Jean ist mehr als lesenswert und wichtig. Wir im „goldenen Westen“, die wir uns immer wieder auf unsere „Werte“ berufen und auch die christlichen Kirchen müssen endlich damit beginnen, unsere Vergangenheit – entfernt oder nah – aufzuarbeiten. Es ist beim Lesen manchmal kaum auszuhalten, was erwachsene Menschen im Namen Gottes Kindern angetan haben.
Nicht nur in Kanada – sondern überall auf der Welt. Maikan führt uns diesen Sadismus – leider auch eine menschliche Eigenschaft – vor Augen. Nicht umsonst haben die Kinder ihre Peiniger Wölfe – Maikan – genannt.

Große Leseempfehlung.

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