Zum Hauptinhalt springen

Im Moment sind wieder viele wunderbare Ausstellungen in der Albertina zu sehen. Doch diese hat mich (noch vor Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer) am meisten begeistert.

Zu sehen sind die Werke Matthew Wongs und Vincent van Goghs noch bis 19.6.2025. Es ist also nicht mehr allzu lange Zeit und es wäre wirklich schade sie zu verpassen.

Bei einer Führung durch die Ausstellung
Bei einer Führung durch die Ausstellung

Vincent van Gogh ist einer meiner Lieblingsmaler, Matthew Wong hingegen kannte ich nicht einmal dem Namen nach. So bin ich auch in erster Linie in die Ausstellung gegangen, um die Bilder van Goghs zu sehen – und als großer Fan von Matthew Wong herausgekommen.

Gemeinsamkeiten Matthew Wong – Vincent van Gogh

Obwohl sie in unterschiedlichen Zeitepochen lebten, gibt es eine Menge von Gemeinsamkeiten zwischen beiden Künstlern. Die augenscheinlichsten Übereinstimmungen sind wahrscheinlich, dass beide mit psychischen Krankheiten zu kämpfen hatten, durch eigene Hand aus dem Leben schieden und beide jung starben. Wong nahm sich mit 35 Jahren das Leben, van Gogh starb mit 37.

Matthew Wong,  The Kingdom, 2017, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation
Matthew Wong, The Kingdom, 2017, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation

Beide waren Autodidakten, hatten sich die Malerei selbst beigebracht, beide fanden in dieser Tätigkeit Zuflucht, waren wahrscheinlich bei der Malerei am glücklichsten. In beider Werken kann man aber auch ihren Leidensweg, ihre Fremdheit im Leben ums sich herum erkennen.

Matthew Wong

Vielleicht geht es euch ein wenig wie mir und ihr habt vom chinesisch-kanadischen Künstler auch noch nicht viel erfahren. Daher hier eine kleine Vorstellung.

Matthew Wong, Landscape with Mother and Child, 2017, © Matthew Wong Foundation /Bildrecht Wien 2025, Foto: Dallas Museum of Art
Matthew Wong: Landscape with Mother and Child, 2017,
© 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Dallas Museum of Art

Matthew Wong kommt am 8. März in Toronto, Kanada zur Welt. Mit sieben Jahren übersiedelt er mit seiner Familie nach Hongkong, 1999 kehren sie nach Toronto zurück. 2003 beginnt Wong ein Studium der Kulturanthropologie an der University of Michigan, dass er 2007 mit dem Bachelor abschließt und wieder nach Hongkong zieht, wo er dann ein Jahr später mit eigenen Gedichten bei Poetry Slams in Hongkoner Clubs auftritt.

Bei der Führung
Bei der Führung

2010 beginnt er ein Masterstudium in Fotografie, arbeitet 2011 bei der 54. Biennale von Venedig als Volontär im Hongkong Pavillon und sieht in Venedig Werke von Julian Schnabel und Christopher Wool, die ihn zu seinen ersten Zeichnungen inspirieren

Vincent van Gogh, Feld mit Schwertlilien bei Arles, 1888, Van Gogh Museum, Amsterdam © Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
Vincent van Gogh, Feld mit Schwertlinien bei Arles, 1888,
© Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)

2012 schließt er sein Studium mit einem Master für Fotografie ab, veröffentlicht auch wiederholt seine Fotografien, konzentriert sich aber immer mehr aufs Zeichnen und Malen.

Matthew Wong
Matthew Wong

2013 bezieht er in Cuiheng, Zhongshan sein erstes Atelier, erste abstrakte Tuschzeichnungen entstehen, über Facebook tauscht er sich mit anderen Vertretern der Kunstszene aus.

Ein Jahr später experimentiert er neben seinen Tuscharbeiten mit verschiedensten Techniken und erhält eine erste Einzelausstellung im Cuiheng Museum, Zhongshan.

Bei der Führung durch die Ausstellung
Bei der Führung durch die Ausstellung

2016 bricht Wong mit seiner Mutter zu einer längeren Reise durch die USA und Kanada auf, treffen in New York John Cheim. Schließlich erreichen sie Edmonton, wo sie eine Wohnung beziehen und sich Wong dauerhaft niederlassen wird.

Die Kunstszene wird auf ihn aufmerksam, weitere Ausstellungen folgen, Wong entwickelt seinen charakteristischen Malstil und findet auch Galerien die ihn und seine Arbeiten vertreten, Kunstkritiker*innen vom New York Magazin und The New York Times interessieren sich für ihn.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

2019 folgt seine blaue Phase, er malt nun überwiegend in Blautönen, einige seiner Werke weisen direkte Bezüge zu van Gogh auf, wie z.B. Starry Night...

Matthew Wong
Matthew Wong

Am 2. Oktober 2019 stirbt Matthew Wong mit 35 Jahren in Edmonton.

Vincent van Gogh und Matthew Wong

Ich liebe die Werke von Vincent van Gogh besonders wegen seiner Farben und auch der Art seiner Pinselstriche. Irgendwie vermögen sie es, mich in das Werk hineinzuziehen, daher beeindrucken mich seine Landschaften auch weit mehr als seine Stillleben oder Interieuransichten.

Vincent van Gogh: Der Garten von Daubigny, 1890, © Foundation Beyeler, Riehen/Bassel, Sammlung Beyeler, Foto © Robert Bayer
Vincent van Gogh: Der Garten von Daubigny, 1890,
© Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, Foto: Robert Bayer

Durch seine Art den Pinsel zu führen, glaubt man seinen Gemütszustand erkennen zu können: ruhig oder aufgewühlt, eher mit sich selbst im Reinen und mit der Welt, oder von ihr ab- und ausgestoßen, ja ihr ausgeliefert zu sein.

Matthew Wong
Matthew Wong

Bei Matthey Wong empfinde ich ähnlich. In seinen Bildern taucht – manchmal kaum zu erkennen – oft eine winzig kleine Person auf. Meistens ist sie verloren, entweder staunend über die Umwelt oder diese wirkt bedrohlich auf die Person. Ob er sich damit wohl selbst darstellte und damit sein Verhältnis zu seiner Umwelt preisgab? „Im Grunde ist das Leben rundherum die Hölle, ausgenommen die Momente vor der Leinwand“, schreibt Wong einmal. Die Kunst ist ihm, ebenso wie van Gogh ein Zufluchtsort, in dem er seinen Erkrankungen – er leidet unter Depressionen, Autismus und dem Tourette Syndrom – für kurze Zeit entkommen kann. In Vincent van Gogh erkennt er eine verwandte Seele: „Ich sehe mich selbst in ihm. Die Unmöglichkeit, Teil dieser Welt zu sein.“

Matthew Wong: Starry Night, 2019, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation
Matthew Wong: Starry Night, 2019, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht Wien, 2025,
Foto: Matthew Wong Foundation

Matthew Wong ist auch ein Wandler zwischen verschiedenen Kulturkreisen – so beeinflusst ihn nicht nur der westliche Kulturkreis, sondern auch das Werk bedeutender chinesischer Künstler wie Shitao und traditionelle asiatische Techniken wie Tusche auf Reispapier. In seiner Hongkonger Zeit fertigt er am Anfang und am Ende jedes Tages ein Tuschbild an – ein Ritual, das während seiner gesamten kurzen Künstlerlaufbahn seinem Leben Struktur verleiht.

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung

In der Ausstellung sind auch einige seiner schwarz-weiß-Werke zu sehen, zu denen ich allerdings wenig Bezug herstellen kann. Doch all seine anderen Bilder, egal ob aus der blauen Periode oder frühere Werke berühren. Diese einsame Person inmitten düsterer Landschaft oder im hellen Birkenwald, wie bei van Gogh kann man sehr lange bei einem Bild verweilen und findet immer wieder neue Einzelheiten, die faszinieren und einen neuen Bezug, eine neue Interpretation herstellen lassen. Und gerade diese Auseinandersetzung ist für mich das Faszinierende an der Malerei – mögen meine Interpretationen auch falsch sein, aber sie sind es die mich berühren, die mir die Bilder wertvoll machen. Eindrücke und Gefühle, die ich ganz speziell für mich aus einer Ausstellung mitnehmen kann.

Matthew Wong: Blue Rain, 2018, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation
Matthew Wong: Blue Rain, 2018, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025,
Foto: Matthew Wong Foundation

Wer dennoch mehr über den Künstler und seine Verbindung zu van Gogh erfahren möchte und auch die „professionelle“ Interpretation der Bilder kennen lernen möchte, dem empfehle ich sich auf jeden Fall einer Führung anzuschließen. Wir haben das gemacht und es war auch hoch interessant den Ausführungen zu folgen. Ohne sie wäre ich vielleicht gar nicht auf die kleinen Personen, die mich so beeindruckt haben, in den Bildern gestoßen. Es lohnt sich also.

Matthew Wong: The Space Between Trees, 2019, © 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation
Matthew Wong: The Space Between Trees, 2019,
© 2025 Matthew Wong Foundation / Bildrecht, Wien 2025, Foto: Matthew Wong Foundation

Die Ausstellung „Matthew Wong – Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei“ ist noch bis 19. Juni 2025 in der Basteihalle der Albertina zu sehen.

Die Albertina ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr, am Mittwoch und Freitag von 10:00 bis 21:00 Uhr geöffnet. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Shop der Albertina, sowie online unter https://shop.albertina.at/ in Deutsch und Englisch erhältlich.

Matthew Wong - Vincent van Gogh
Matthew Wong - Vincent van Gogh

Um Wartezeit an der Kassa zu vermeiden, empfiehlt es sich die Tickets online unter https://www.albertina.at/besuch/tickets/ zu erwerben.
Achtung: Rucksäcke (auch kleine) sind in den Ausstellungsräumen nicht erlaubt.


Matthew Wong - Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei
bis 19.6.2025
Albertina, Basteihalle
1010 Wien
Albertinaplatz 1
+43 1 534 83 0
https://www.albertina.at

AutorIn des Artikels: