Wenige Kilometer von Kamnik entfernt, kann man bequem mit Seilbahn und Sessellift oder sportlicher per pedes im Sommer eine der wenigen noch bewirtschafteten hochalpinen Hirtensiedlungen Europas besuchen: Velika planina.

Wir waren leider erst Ende Oktober unterwegs, der Wind blies eisig kalt, die Hochalm war bereits mit erstem Schnee angezuckert, aber zumindest teilweise schien die Sonne und so konnten wir einen ersten Eindruck mitnehmen (siehe Blog).

Velika planina (Foto © Klemen Brumec)
Velika planina ist das größte Weideplateau Sloweniens (557 Hektar) auf einer Höhe von 1.500 bis 1.600 Meter. Das bergige Karst-Plateau ist Teil der Steiner Alpen (Kamnik-Safinja), wozu Velika, Mala und Gojška planina sowie die Berge Dol und Konjščica gehören. Der kalkhaltige Untergrund bildete zahlreiche Dolinen, Höhlen und Abgründe, doch durch die Karststruktur gibt es auf der Velika planina kaum Wasser an der Oberfläche – es versickert sehr schnell in den Untergrund.

Velika planina (Foto © Ana Pogačar)
Dennoch sind die Almen bereits seit prähistorischen Zeiten besiedelt: so konnte eine prähistorische Kupferaxt oberhalb von Tiha Dolina gefunden werden und in der Höhle Dovja gri entdeckte man mittelalterliche Keramikreste.

Velika planina (Foto © Ale Frelih)
Man nimmt an, dass die Bewirtschaftung der Weiden in dem Gebiet bereits am Anfang des 16. Jahrhunderts begann. Der Franziskanischen Landkataster aus dem Jahre 1826 erwähnt 63 Hütten auf der Velika planina, davon 31 auf Mala planina und rund 120 Hütten in der Umgebung.

Velika planina (Foto © Pa)
1875 wurden aus den fast zwanzig Talsiedlungen 160 Kühe, 400 Ochsen und 100 Schweine auf die Berge getrieben. Velika planina wurde im späten Mittelalter Konjska planina genannt, da damals auf den Almen größtenteils Pferden weideten, damals war die Stadt Kamnik in ihrer Blütezeit und ein wichtiges Zentrum für Handel und Verkehr. Pferde waren für den Transport und Handel ausgesprochen wichtig. Später wandte man sich wieder der Viehzucht zu. In der Gegenwart kann man im Sommer zwischen 500 und 800 Stück Weidevieh auf den Almen zählen.

Ausblick von der Bergstation
Mitte Juni treiben die Hirten die Kühe auf die Alm, wo sie in den Sommermonaten dann bleiben. Früher fand der Almauftrieb immer am 9. Juni, dem Festtag der heiligen Primus und Felician statt und begann in Stahovica bei der gotischen Kirche der beiden Heiligen. Heute richtet man sich eher nach den Wetterbedingungen.

Ausblick von der Bergstation
Als Hirte wurde in den jeweiligen Familien jenes Mitglied auserkoren, dass bei den üblichen landwirtschaftlichen Arbeiten am wenigsten helfen konnte. Am Vortag des Almauftriebs wurde von der Hausfrau ein Korb mit Geschirr, Kleidung, Decke und Essen für ihn vorbereitet. Kennzeichen der Hirten waren ein Blumenbusch auf seinem Hut und ein Spazierstock.

Mit unserem Führer auf dem Weg zur Velika planina
Am nächsten Tag wurde dann der Leitkuh oder dem Leitbullen eine schwere Glocke („Tropinar“) umgehängt, deren Läuten den Marsch zur Alm ankündigte. Gesegnete Palmzweige begleiteten Mensch und Tier. In der Regel begann man die Tour am frühen Morgen, da es einige Stunden dauerte bis man die Almen erreichte, Halt wurde nur an verschiedenen Rastplätzen und zum Tränken der Tiere gemacht. Dann blieben Tiere und Hirten traditionell bis zu Maria Geburt am 8. September auf dem Berg. Heute bringen die meisten Bauern ihr Vieh mit Sattelschleppern so weit wie möglich zur Alm und so auch wieder im Herbst in den Stall.

Blick in die Umgebung
Die Hütten liegen in die Mulden geduckt und anders als bei uns, wo man meistens pro Alm nur eine Hütte findet, ist hier eine ganze Siedlung mit mehreren Hütten, ja sogar einer kleinen Kirche entstanden. die Hütten sind mit typischen Fichtenschindeln gedeckt und irgendwie erinnert mich die Siedlung ein bisschen an die Holzhäuser des Freilichtmuseums Rožnov pod Radhoštěm, wenngleich die Grundrisse ganz verschieden sind. Die Hirtenhütten am Berg werden „Bajte“ genannt. Ihre Form ist in Slowenien einzigartig, es gibt ovale und rechteckige Hütten. Das Gelände und die Wetterbedingungen scheinen die Art des Baus stark beeinflusst zu haben.

Auf dem Weg zum Gasthaus Zeleni Rob

Während vor dem Ersten Weltkrieg alle Hütten einen ovalen Grundriss aufwiesen, wurden nach dem Krieg einige Hütten mit rechteckiger Grundfläche gebaut. Im Winter 1945 brannten die Deutschen die gesamte Siedlung mit mehr als 100 Hütten und die Kapelle „Unserer Lieben Frau vom Schnee“ nieder. Die Preskar-Hütte, heute ein Museum, wurde gleich nach dem Krieg wieder mit alten Bautechniken aufgebaut und 2005 auch als Kulturdenkmal mit lokaler Bedeutung geschützt. Sie ist das letzte und einzige Beispiel einer typischen ovalen Hütte in Slowenien: Der Innenraum ist in zwei Teile getrennt. In der Mitte wohnte der Hirte, umgeben von seinen Tieren. Sein Raum hat keinen Kamin, keine Fenster, Tische oder Stühle, nicht einmal eine Toilette, es ist ein ganz einfacher Raum zum Schlafen. Kleine Schindeln (šinkelni) aus Lärchen- oder Fichtenholz bilden das Dach der Hütten.

Ende Oktober lag schon ein bisschen Schnee

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarf der Architekt Vlasto Kopač, eine Schüler von Jože Plečnik, eine touristische Siedlung, die diese traditionellen Hirtenhütten zum Vorbild nahm. Diese kann man auch heute noch mieten und seinen Sommer- oder Winterurlaub mitten in der Natur verbringen. Einige sind auf dem Weg vom Gasthaus Zeleni rob zur Hirtensiedlung zu sehen.

Velika planina
Auch die Hütten des Eco Resorts Kamnik haben in ihrer Gestaltung eine Anleitung bei den Hirtenhütten von Velika planina genommen.

Velika planina - die Hirtensiedlung
Der typische Hirtenalltag begann normalerweise im Morgengrauen, wann die Kühe das erste Mal gemolken werden. Anschließend wurden sie auf die Weide geführt, die Ställe gereinigt und das Frühstück gemacht. Dann wurde entweder die Milch verarbeitet, in der Hütte allfällige Arbeiten durchgeführt, Kräuter oder Waldbeeren gesammelt und das Mittagessen vorbereitet. Ab und zu fand und findet sich auch Zeit für einen Tratsch mit den anderen Hirten, den Empfang von Gästen oder eine Pfeife. Am Abend wurden die Tiere dann noch einmal gemolken, manchmal besuchte man sich gegenseitig, traf sich zum Abendgebet und schlief spätestens um zehn herum ein. Die Kost war karg: Milch- oder Buchweizenbrei, Käse. Ein typisches Hirtengericht ist „Masovnik“, das aus saurer Milch und hart gekochtem Maisbrei besteht. An Wochenende kam manchmal die Familie zu Besuch und brachte etwas Schmalz, Nudeln, Reis und Getränke mit.

Blick auf die Hirtensiedlung
Manchmal wurde auch verbotener Weise gejagt und bei Erfolg gab es dann köstliche Gamsgerichte. Da der Karst kein Wasser an der Oberfläche speichert, verwenden die Hirten normalerweise Regenwasser zum Waschen und Kochen.

Unser Führer erklärt uns das Hirtenleben
Heute kann man das Museum in der Preskar Hütte besuchen, das ebenfalls von Juni bis September geöffnet ist und mit etwas Glück kann man bei den Hirten Milch, Topfen oder sogar die lokale Spezialität, den Trnič Käse verkosten.

Die Kapelle „Unserer lieben Frau im Schnee“

Die Hirten folgten auch auf der Alm ihrer traditionellen Lebensweise und die bedeutete sechs Tage Arbeit und dann eine – zumindest teilweise – Sonntagsruhe, während der die Heilige Messe besucht werden sollte. Daher wurde 1939 nach den Plänen von Jože Plečnik auch die Kapelle Unserer lieben Frau im Schnee gebaut, wobei Plečnik in seinen Skizzen Anleihen beim Aussehen der Hirtenhütten nahm. 1945 wurde die Kapelle ebenso wie die Hirtenhütten von den Deutschen niedergebrannt und es dauerte fast vier Jahrzehnte bis die Kirche am selben Ort wieder errichtet werden konnte und am 7. August 1988 feierlich vom Erzbischof Dr. Alojzij Šuštar eingesegnet wurde. Für die Planung der neuen Kirche zeichnet ebenfalls Vlasto Kopač verantwortlich. In ihr findet nun von Mitte Juni bis Mitte September jeden Sonntag um 14:00 Uhr eine Heilige Messe statt. Viele Menschen besuchen aber auch die Weihnachtsmette und die Messe zu Mariä Himmelfahrt. Sollten Sie die Kapelle außerhalb diesen Zeiten besuchen wollen, fragen Sie bitte in der Bischofshütte nach den Schlüsseln.

Die Kapelle
Heute kann man Sommer wie Winter mit einer Standseilbahn von Kamniška Bistrica auf den Šimnovec fahren. Dann geht es weiter mit einem Sessellift und nach einer kurzen Wanderung erreicht man bereits die Hirtensiedlung. Während man im Sommer wandern, radfahren und die Hirten besuchen kann, ist im Winter je nach Schneelage Skifahren, Langlaufen oder Schneewandern angesagt. Das ganze Jahr über sollte man sich aber vor Augen halten, dass man sich in alpine Gebiete begibt und sich auch dementsprechend ausrüsten und verhalten.

Kulinarisches

Wir haben bei unserem Ausflug im Gasthaus Zeleni Rob eingekehrt und die hervorragenden Štrukji (mit Topfen gefüllte Teigtaschen) probiert, die man sich keines falls entgehen lassen sollte.
Wenn Sie im Sommer die Velika planina besuchen, sollten Sie auch die traditionelle Hirtenmahlzeit aus Sauermilch und Sterz probieren.

Das Gasthaus Zeleni Rob
Wer mit der Seilbahn zur Velika planina möchte und aus Kamnik anreist, fährt Richtung Kamniška Bistrica – Gornji Grad. Die Talstation der Seilbahn ist ca. 3 km vor dem Ende des Tales. Ungefähr 4 km nach Stahovica findet man auf der rechten Seite den Parkplatz und links – ein bisschen versteckt – die Talstation der Seilbahn. Die Einfahrt ist beschriftet.

Die berühmten Štrukji im Zeleni Rob
Weitere Informationen finden Sie unter http://www.velikaplanina.si/Home und auf meinem Blog www.enricosreisenotizen.eu