Lunz am See im Herzen des Mostviertels war mir bis vor kurzem nur vom Wetterbericht als Kältepol bekannt. Das Dorf in den Ybbstaler-Alpen „kann“ aber viel mehr…

Mein „Erweckungserlebnis“ war die Eröffnung des Haus der Wildnis. Es hat also ziemlich lange in meinem Leben gedauert bis ich in Lunz am See „aufgeschlagen“ bin, aber dafür hoffe ich jetzt einiges nachholen zu können. Es lohnt sich nämlich. Warum? Das will ich euch hier in diesem Bericht zeigen.

Ein bisschen Geschichte zum Anfang

Ein 4.000 Jahre altes Steinbeil beweist, dass die Gegend um Lunz schon früh – in der jüngeren Steinzeit – besiedelt war. Später zogen die Kelten ins obere Ybbstal und auch die Römer hinterließen hier ihre Spuren. Lunz am See gehörte zur Provinz Noricum, Kelten und Rämer waren am norischen Eisen des steirischen Erzberges interessiert, das dann über den Mendlingpass nach Lunz und weiter in die Schmiedewerkstätten von St.Pölten und Pöchlarn transportiert wurde.

Lunz am See: Blick zur Kirche und zum Haus der Wildnis
Lunz am See: Blick zur Kirche und zum Haus der Wildnis


Während der Völkerwanderung flüchteten viele Menschen vom Donautal ins Gebirge, zum Teil in die Höhlen der Voralpen, auch Awaren und vermehrt Slawen sind in dieser Zeit hier anzutreffen.
1203 wird der Ort erstmals als „Liunze in Montains“ – als Lichtung in den Bergen – erwähnt. 1340 erwirbt Herzog Albrecht XI. das Gebiet und schenkt es dem Kloster Gaming.

Im Inneren der Pfarrkirche in Lunz am See
Im Inneren der Pfarrkirche in Lunz am See


1392 wird die „Frauenkirche zu Lunz“ erwähnt, in der eine „Maria im goldenen Sessel“ verehrt wird. Es ist die Zeit der ersten Hammerwerke, da die einfachen Schmieden den steigenden Bedarf nicht mehr decken können. Damit beginnt für Lunz am See wie für die gesamte Eisenstraße eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Noch heute kann man am Amonhaus, das Meister Ofner 1551 im Renaissancestil erbauen ließ, den Wohlstand erahnen.

Ein Rastplatzerl beim Rundgang um den Lunzer See
Ein Rastplatzerl beim Rundgang um den Lunzer See


Doch Türkeneinfälle, Pandemien wie die Pest, die Religionskriege mit Reformation und Gegenreformation sowie kriegerische Auseinandersetzung mit Franzosen und Baiern beenden den wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand.

Erst im 19. Jahrhundert wird mit dem Scheibbser Unternehmer Andreas Töpper eine zweite Blüte eingeläutet. 1832 wird ein Eisenwalzwerk errichtet. Die Töpperbrücke, eine Steinbrücke, die mit im Gußwerk bei Mariazell gegossenen Heiligenfiguren geschmückt ist, weist heute noch auf den Reichtum der damaligen Zeit hin.

1932 misst man in der Doline Grünloch mit -52,6°C die tiefste Temperatur Mitteleuropas.

Lunz am See
Lunz am See


Aber es gibt auch dunkle Flecken in der Geschichte des Ortes: Am Gelände des jetzigen Wasserclusters befand sich während der Zeit des Nationalsozialismus ein HJ-Wehrertüchtigungslager. Lunz am See war auch für die Kinderlandverschickung von Bedeutung und das Militär führte hier Kälteversuche mit militärischen Fahrzeugen durch. Während der letzten Kriegswochen zogen sich Einheiten der Waffen-SS hier vor den vorrückenden alliierten Truppen zurück. Ein Mahnmal erinnert die Spaziergänger heute an damalige Schandtaten. Darüber später mehr.

Lunzer See
Lunzer See


1997 wurde das Wildnisgebiet Dürrenstein ins Leben gerufen, dass den 1875 von Bankier Albert Rothschild initiierten Rothwald beinhaltet. Diese 400 Hektar Wald sind nie forstwirtschaftlich bewirtschaftet worden. Dieses Gebiet an der Grenze zur Steiermark wurde in den Jahren 1997-2001 um 2400 Hektar erweitert und zuletzt auch in die Steiermark ausgeweitet. 2017 wurde das Wildnisgebiet Dürrenstein zum Weltnaturerbe erklärt.

Seit 2008 ist Lunz am See eines von zwei Bergsteigerdörfern in Niederösterreich.

Kühe auf der Weide - in Lunz am See
Kühe auf der Weide - in Lunz am See


2021 wurde schließlich das Haus der Wildnis eröffnet, um den BesucherInnen einen Eindruck dieses uralten Urwalds vermitteln zu können, dessen Betreten nur ganz wenigen Personen pro Jahr gestattet werden kann.

Sehenswürdigkeiten

In Lunz am See kann man also mehr als Bergsteigen und Bootfahren. Hier eine kleiner „Rundgang“ durch den Ort.

Das Haus der Wildnis

Vielleicht fangen wir gleich bei der neuesten Attraktion an: Dem Haus der Wildnis. 2021 eröffnet, bietet es seinen Besuchern einen interessanten Einblick in das Weltnaturerbe Dürrenstein-Lassingtal.

Das Haus der Wildnis in Lunz am See
Das Haus der Wildnis in Lunz am See


Mit interaktiver Technik wie Augmented Reality, VR-Brillen und einem 180-Grad-Kino versucht man eine Brücke zwischen Schutzgebiet und interessierten BesucherInnen und NaturliebhaberInnen zu bauen und tief in den Urwald einzutauchen, ohne die sensible Tier- und Pflanzenwelt zu belasten.

Die Ausstellung im Haus der Wildnis in Lunz am See
Das Haus der Wildnis in Lunz am See


Wer wissen möchte, wie es mir bei meinem ersten Besuch gefallen hat, findet hier meinen Bericht.

In der Ausstellung im Haus der Wildnis
Die Ausstellung im Haus der Wildnis


Ihr könnt aber auch mittels PC von zuhause aus in den Urwald eintauchen: https://www.haus-der-wildnis.at/3dlehrpfad/webtour/

Er beantwortet viele Fragen im Haus der Wildnis
Er beantwortet viele Fragen im Haus der Wildnis


Das Haus der Wildnis ist Mittwoch bis Montag von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet, Montag ist geschlossen.

Blick in den Lunzer See - im Haus der Wildnis
Blick in den Lunzer See - im Haus der Wildnis

Haus der Wildnis
3293 Lunz am See, Kirchenplatz 5
Tel: +43 7486 211 22
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.haus-der-wildnis.at

Das Amonhaus

Im frühzeitlichen Hammerherrenhaus ist heutzutage das Gemeindeamt von Lunz am See untergebracht. 1551 wurde das Gebäude unter Hammerherr Martin Ofner errichtet und um 1600 erweitert. Die Sgraffiti-Malerei stammt von Ruprecht Christof Moser. 1784 bis 1876 im Besitz der Familie Amon diente es als kulturelles Zentrum und 1810 und 1820 kann man auf kaiserliche Besuche zurückblicken. 1914 wurde von Heinrich Paris ein Heimatmuseum gegründet.

Es ist zwar nicht das Amonhaus, aber auch toll verziert
Es ist zwar nicht das Amonhaus, aber auch toll verziert


Seit 1960 ist das Gebäude im Besitz der Gemeinde Lunz.

Das Amonhaus
3293 Lunz am See, Amonstraße 16

Schloss Seehof

Der „Hof bey dem See“ wird erstmals 1367 erwähnt, 1490 findet sich die erste urkundliche Erwähnung eines Seehofs, der vemutlich als Meierhof der Kartause Gaming diente. 1897 erwarb Dr. Karl Kupelwieser das Gut Seehof von Gabriel Graf Festetitis de Tolna und leitete zahlreiche Baumaßnahmen ein. Architekt Richard Frauenfels baute die beiden ursprünglichen Seitenflügel im neobarocken Stil aus und verband sie mit einem Mitteltrakt zu einem Schloss. Seit damals steht es im Besitz der Familie Kupelwieser, wenn es auch bis 2003 von der Biologischen Station Lunz genutzt wurde.

Blick zum Schloss Seehof
Blick zum Schloss Seehof


Auch heute noch wird der Privatbesitz der Familie als Forstbetrieb geführt, wobei dazu 2.957 Hektar Wald, Fischereirechte, E-Werke, sowie Jagd- und Gasthaus-Vermietung gehören. Heute wird das Schloss, das 2020 in Teilen unter Denkmalschutz gestellt wurde (Fassade, Gewölbeteil und der Brunnen im Ehrenhof), vom Grafiker und Bildhauer Hans Kupelwieser bewohnt, der hier auch geboren wurde und sich im Schloss sein neues Atelier einrichtete.

Blick auf Schloss und Ehrenhof
Blick auf Schloss und Ehrenhof

Schloss Seehof
3293 Lunz am See, Seehof 1

Die Pfarrkirche zu den Heiligen Drei Königen

Die spätgotische zweischiffige Hallenkriche stammt aus dem Jahr 1503 und ist durch ihren vorgestellten Westturm bereits von weitem zu sehen. Vis à vis von der Kirche findet ihr seit 2021 das Haus der Wildnis. Von 1950 bis 1961 wurde die Kirche regotisiert und der Innenraum der Kirche neu gestaltet.

Die Pfarrkirche zu den Heiligen Drei Königen
Die Pfarrkirche zu den Heiligen Drei Königen


Kirche zu den Heiligen Drei Königen

3293 Lunz am See, Kirchenplatz

Das Mahnmal

Auch in Lunz am See ging die Zeit des Nationalsozialismus nicht ohne Wunden vorbei. Der Ort war nicht nur Standort für ein Hitlerjugendlager, sondern auch für die Kinderlandverschickung von Bedeutung. Auf der Gstettneralm wurden Kälteversuche mit militärischen Fahrzeugen gemacht und in der letzten Kriegsphase war es ein Rückzugsort vor den vorrückenden alliierten Truppen, wobei die Waffen-SS noch im Bezirk Scheibbs im April 1945 drei Massaker verübten und an die 200 ungarisch-jüdische ZwangsarbeiterInnen ermordeten. Erschreckend dabei ist, dass die Täter zum Teil gefasst und auch verurteilt wurden, aber bald wieder auf Bewährung freigelassen wurden.

Erinnerung an dunkle Zeiten
Erinnerung an dunkle Zeiten


Der Terror begann allerdings schon  früher. Bereits im Juni 1938 wurden Mitglieder der einzigen jüdischen Familie im Ort ins KZ Dachau deportiert. Der Rest der Familie aus Lunz vertrieben. Sie starben im Mai 1942 in Maly Trostinec.

Doch man musste damals auch richtig abstimmen. Wilhelm Mathes stimmte gegen den Anschluss an das Deutsche Reich. Er wurde von der Gendarmarie und mit Hilfe der lokalen NationalsozialistInnen festgenommen und auf dem Weg von seiner Wohnung zur Wachstube von Teilen der Ortsbevölkerung wüst beschimpft und bedroht. In Sprechchören forderte man seine Einweisung ins KZ Dachau.

Heute erinnert das Mahnmal – ein überdimensionierter Stimmzettel für die Reichstagswahl in Deutschland und die Volksabstimmung zur „Wiedervereinigung Österreichs mit dem deutschen Reich“ - und einige Informationskästen am Weg um den See an diese Zeit.

Das Seebad und die Seebühne

1964 entstand nach Entwürfen von Kurt Pfeiller das Lunzer Seebad, das nach Denkmalschutzbescheid „eine Einheit mit der umgebenden Landschaft und dem eindrucksvollen Gebirgspanorama u.a. von Scheiblingstein und Ötscher“ bietet. Schön ist die Aussicht allemal. Aber es gibt hier noch etwas Besonderes: Die Seebühne.

Blick ins Seebad
Blick ins Seebad


Am Tag dient die Lunzer Seebühne als Badeinsel und Sprungturm. Am Abend wird die stufenförmige Sitzplatzabdeckung durch Wasserkraft gehoben und eine überdachte Zuschauertribüne mit 250 Sitzplätzen bietet ein einzigartiges Ambiente für kulturelle Ereignisse. Erdacht wurde das multifunktionale Bauwerk von einem Künstler aus Lunz am See, vom bereits erwähnten Hans Kupelwieser. Für die Konstruktion zeichnet der „werkraum Wien“ verantwortlich. Mit dem Bau der Seebühne bekam auch das Festival „wellenklaenge“ eine fixe Aufführungsstätte.

Beim Eingang zum Seebad
Beim Eingang zum Seebad


Lunz am See bietet also nicht nur sportlichen Urlaubern wie Wanderern und Radfahrern einen hervorragenden Ausgangspunkt, sondern auch Kulturliebhabern.

Seebad Lunz am See
3293 Lunz am See, Seestraße 28

Doch noch einmal zurück zur Natur.

Je nach Kondition, Lust und Laune kann man rund um den Lunzer See spazieren oder sich auf die Drei-Seen-Tour begeben. Ich habe anscheinend die längere Variante gewählt und wie es mir – einen ziemlich konditionslosen Wanderneuling gegangen ist – könnt ihr hier erfahren. Sehenswert sind der Mitter- und der Obersee aber auf jeden Fall und auch der Ludwigfall beeindruckt selbst in Zeiten wo sich wenig Wasser die 60 Meter ins Tal stürzt.

Blick zum Mitter See
Blick zum Mitter See


Radfahrer führt der Ybbstal-Radweg nach Lunz am See.

Wer es lieber ganz gemütlich hat, mietet sich ein Boot und schaukelt ruhig und entspannt über den See.

Bootfahren am Lunzer See
Bootfahren am Lunzer See


Im Winter zieht es Sportliche ins Skigebiet Maiszinken oder – wenn der See richtig zufriert – kann man auch hier seine Schlittschuhrunden drehen. Langläufer freuen sich auf eine Runde auf der Sonnenalmloipe und auch die geführten Schneeschuhwanderungen finden immer mehr Freunde.

Blick auf den Oberen See
Blick auf den Oberen See


Weitere Tipps zu Lunz am See findet ihr hier: Tipps für Lunz am See: https://www.ybbstaler-alpen.at/lunz-am-see