Ausstellungsplakat - Papyrusmuseum der Österr. Nationalbibliothek (Foto: © Österr. Nationalbibliothek)

Die Ausstellung im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befasst sich mit der Bibel in Judentum, Christentum und Islam und ihre Rezeption in diesen drei Weltreligionen.

In mehr als 90 Exponaten aus mehreren Jahrhunderten der Antike und des Mittelalters wird die Zeit ihrer Textgestaltung und Überlieferung gezeigt. Fragmente der ältesten bekannten biblischen Handschriften sind ebenso zu sehen wie illuminierte hebräische Codices, frühe Korantexte oder auch das selten gezeigte Nikodemus-Evangelium.

Wenige Werke haben die Entwicklung der Menschheit so beeinflusst wie die Bibel, gilt sie doch als die am meisten verbreitetste Schrift. Alle drei Weltreligionen stehen in enger Verbindung zu diesem Text: für Juden und Christen ist sie die Grundlage des Glaubens, aber auch der Islam betrachtet sie als einen heiligen Text.

In der Ausstellung werden einzigartige Exponate aus den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek gezeigt, die die Geschichte des Werkes beleuchten.

Die Anfänge der Bibel gehen auf das erste vorchristliche Jahrtausend zurück. Zu dieser Zeit entstand eine abgeschlossene Sammlung heiliger Schriften, der Tanach, der später mit Erweiterungen vom frühen Christentum als Erstes oder Altes Testament übernommen wurde. Die darin enthaltenen Erzählungen sind jedoch viel älter und lassen sich bis in die Zeit Mesopotamiens, der Heimat von Abraham zurückverfolgen: über die Sintflut berichtete bereits das Gilgamesch-Epos im 3. Jahrtausend vor Christus und auf Tontafeln wurde die Vertreibung aus dem Paradies geschildert.

Hebräische Bibel mit masoretischem Text © Österreichische Nationalbibliothek

Buchdruck war zu dieser Zeit noch lange nicht bekannt. Das bedeutete alle Schriften mussten per Hand abgeschrieben werden und je nach Verbreitungsgebiet auch in andere Sprachen übersetzt werden: Abschreib- und Übersetzungsfehler waren nicht zu vermeiden. Die Schau im Papyrusmuseum illustriert dies an zwei Highlights der Ausstellung, die zu den weltweit ältesten Textzeugen der Septuaginta gehören: ein Fragment der Bücher Jesaja, das aus dem 3. Jh. stammt und ein Bruchstück der Psalmen aus dem 5. Jh.
Zu sehen ist ebenfalls eine Seite der Hebräischen Bibel aus dem Mittelalter, an deren Rändern sich auch Kommentare mehrerer Schreiber finden.

Das Evangelium des Nikodemus

Im 2. Jh. entstand dann die christliche Bibel, in dem zur Hebräischen Bibel die Evangelien, die Apostelgeschichte, die apostolischen Briefe und die Apokalypse als Neues Testament hinzukamen. Da sich die Religion im Römischen Reich verbreitete, erfolgte nun nach der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes eine lateinische Fassung. So ist in der Ausstellung auch eine um 500 entstandene lateinische Fassung der Sprüche des Salomons zu bewundern, die als Palimpsest überliefert ist. Das bedeutet, dass das wertvolle Pergament  300 Jahre nach seiner ersten Beschriftung „wieder verwendet“ wurde, doch die ursprüngliche Schrift ist auf dem ausgestellten Blatt noch immer gut erkennbar.
Das gleiche Schicksal ereilte das Nikodemus-Evangelium aus dem 5. Jahrhundert, das in den Bibel-Kanon nicht aufgenommen wurde. Es schildert, wie Jesus zwischen Kreuzigung und Wiederauferstehung in die Hölle hinabsteigt, um dort zu den Gefangenen zu predigen und Adam in den Himmel zu führen. Die Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek ist das wichtigste und älteste Fragment der lateinischen Übersetzung, die bald nach dem griechischen Original entstand und nur äußerst selten öffentlich zu sehen ist.

Der Koran und die Bibel

Der Koran entstand – verglichen mit der Bibel – in relativ kurzer Zeit: Muhammad empfing seine erste Offenbarung mit 40 Jahren und mit seinem Tod 632 wurden die Inhalte des Korans als komplett angesehen. In der Ausstellung sind einige sehr frühe Koranhandschriften zu sehen, darunter ein Fragment aus dem 8. Jahrhundert, das auch die Beziehungen zu jüdischen und christlichen Texten zeigt: So heißt es dort in Sure 10, in Anspielung auf Jesus Christus, dass Gott sich keinen Sohn genommen habe.

Lebensbaum, Ägypten, 9.-10.Jh., © Österreichische Nationalbibliothek
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Koran im Gegensatz zu den Evangelien oder dem Tanach steht. Er betrachtet sich allerdings als Endpunkt einer Entwicklung. Jesus wird hier ebenso wie Muhammad als Prophet gesehen. Bezugspunkte zu jüdischen und christlichen Schriften tauchen immer wieder auf. Juden und Christen werden als Verbündete für den Glauben an einen einzigen Gott gesehen. Auch Symbole weisen auf eine gemeinsame Gedankenwelt hin: so zeigt das Doppelblatt einer arabischen Handschrift aus dem 9.-10.Jh. eine kunstvolle, mehrfarbig illustrierte Darstellung des Paradieses als Garten – eine Darstellung, die im ganzen Nahen Osten verbreitet war und ist und auch in der Bibel so ausgeführt ist.

Des Weiteren findet sich in der Ausstellung ein dreisprachiges Messbuch, das den griechischen Bibeltext neben der koptischen Übertragung auch in der arabischen Übersetzung wiedergibt. Während die griechische Schrift aus dem 10. Jh. stammt, wurde die arabische vermutlich erst im 13. Jh. hinzugefügt.

eiAmulett gegen Skorpionstich © Österrchische Nationalbibliothek

Weitere Highlights:

Koptische Evangelienparaphrase zum Besuch des Engels bei Joseph

Das beidseitig beschriebene Einzelblatt aus dem 9. Jh., das sich so in keinem anderen der bekannten Kindheitsevangelien findet, berichtet vom Zweifel Josephs, der die schwangere Maria heimlich verlassen möchte und dem Besuch des Engels, der Joseph von der Jungfräulichkeit Marias überzeugt.

Koptische Evangelienparaphrase zum Besuch des Engels bei Josef © Österreichische Nationalbibliothek

Islamische Darstellung des Lebensbaums

Eine arabische Handschrift aus dem 9. oder 10. Jh. mit einer kunstvoll ausgeführten Abbildung eines Baumes über zwei Gräbern. Der Baum als Symbol des Lebens war im Nahen Osten sehr verbreitet und findet sich auch in jüdischen und christlichen Schriften.

Amulett gegen Skorpionstich

Im Glauben der Bevölkerung hatten heilige Schriften immer auch eine besondere Wirkung und Schutzfunktion.  Deshalb fanden biblische Inhalte auch in der Magie Verwendung, wie dieses Amulett aus dem 10.-11.Jh. zeigt. Über der Zeichnung des Skorpions stehen in koptischen Buchstaben die Namen der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael, die den Träger des Amuletts vor einem Stich des Tieres schützen sollen.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr, Donnerstag 10:00 bis 21:00 Uhr.
Im Juni, Juli, August und September ist das Papyrusmuseum täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr und am Donnerstag von 10:00 bis 21:00 Uhr geöffnet.

12.6.2014 – 11.1.2015 Kinder Abrahams. Die Bibel in Judentum, Christentum und Islam.
Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek
1010 Wien, Heldenplatz
Tel: +43 1 534 10 425
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www.onb.ac.at/papyrusmuseum.htm