Amar Kanwar - The Sovereign Forest, 2011-ongoing (Foto © Courtesy of Amar Kanwar)

Ich gebe zu, dass mich Ausstellungen der TBA21 auch schon ratlos zurückgelassen haben. Zwar immer beeindruckt, aber ratlos, was die Aussage des Künstlers oder des Kunstwerkes denn bedeuten wollte oder sollte. Obwohl die Frage so natürlich auch nicht richtig gestellt ist. Dennoch, bei der neuen Ausstellung „The Sovereign Forest“ besteht diese Gefahr keinesfalls.

Und doch ist es wieder ein ganz neuer Ansatz. Amar Kanwar versteht es seine Botschaften mit großartiger Poesie, Einfühlungsvermögen und Sensibilität umzusetzen – und legt dadurch den Finger noch tiefer in die Wunde und hilft uns zu verstehen.

The Souvereign Forest – die fünfte Ausstellung der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary-Augarten ist ein fortlaufendes Forschungs- und Ausstellungsprojekt des indischen Künstlers und Filmemachers Amar Kanwar. Das Projekt lebt, wird ständig verändert und auch weiter ergänzt.

Im Augarten werden fünf Sequenzen gezeigt, die auf einander aufbauen und doch jede für sich selbst stehen. Im Mittelpunkt steht der Verlust: an Schönheit, an Menschen, an Demokratie, an Vielfalt …

The Scene of Crime (Tatort) steht am Anfang der Ausstellung. Der Film zeigt Landschaften, die bereits verkauft und freigegeben sind für industrielle Nutzung, zum Abbau von Bodenschätzen. Es sind eindrucksvolle, poetische Bilder, die dem Betrachter plötzlich klar vor Augen halten, was alles verloren geht: in Indien, überall tagtäglich auf der ganzen Welt und dass einiges davon unwiederbringlich ist.

Im Seed-Raum (Samen-Raum) finden sich die Samen von 272 unterschiedlichen Reissorten, die Natabor Sarangi, ein ehemaliger Schullehrer und heute Reisbauer und Aktivist sammelte. Als er begann Reis anzubauen, bemerkte er, dass überhaupt nur noch eine Handvoll unterschiedlicher Reissorten verfügbar waren, obwohl er sich an eine viel größere Vielfalt in seiner Jugend erinnern konnte. Sorten mit den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen, Formen und natürlichen Eigenschaften und er begann Samen zu sammeln, anzubauen und zu ernten, zu verteilen und zu archivieren, damit dieses Erbe erhalten bleiben konnte.

Im Samenbuch (2012) gibt es eine Auswahl an Bildern, die ihn beim Reisanbau zeigen, aber auch einen Archivindex, in dem jeder Samen und die spezifischen Eigenschaften und Nutzung aufgelistet sind.
In einem weiteren Buch „In Memory Of“ wird jenen Bauern gedacht, die sich in den letzten Jahren in Odisha selbst umgebracht haben, da sie mit hohen Schulden beladen in Knechtschaft standen und sich nicht gegen die strategische Gewalt der multinationalen agrarwirtschaftlichen Unternehmen, ertragsorientierte Landwirtschaft, Immobilien Mafia und Geldverleiher wehren konnten.

Ein Fotoalbum erzählt vom außergewöhnlichen Protest der Bewohner mehrerer Dörfer in Odisha, gegen die gewaltsame Übernahme ihres Landes durch die örtliche Polizei im Namen des koreanischen Stahlunternehmens POSCO und der Regierung Odishas.

Das Photoalbum Klinganagar bezeugt die Ermordung von vierzehn Stammesangehörigen durch die Polizei in der Industriezone von Kalinganagar, Odisha, während des Protestes gegen die gewaltsame Übernahme ihres Landes durch die Tata Iron and Steel Company.

Das kleine Buch „Time“ zeigt den Ablauf der anhaltenden Auseinandersetzungen von 2005 bis 2013 an unbeachteten Details und Alltagsgeschehnissen.

Drei handgenähte Bücher bringen weitere Geschichten dieser Auseinandersetzung in Bild und Schrift dem Besucher näher. Darin eingebettet sind Videos, die sich mit den unterschiedlichsten Thematiken und Evidenzen der Auseinandersetzung befassen.

Im dritten Raum, widmet sich die Miniaturenerzählung „A Love Story“ in vier Akten einem Ort am Rande einer sich ausweitenden Stadt, einer Welt der ständigen Trennungen und des Verlustes. Für mich war es eigentlich die Fortsetzung von „The Scene of Crime“ – hier wird der Verlust einfach nur schmerzlich spürbar, der Verlust eines Menschen, einer Liebe, einer Vielfalt, der Natur …

Amar Kanwar ist kein Aktivist, kein Ankläger. Er meint, dass er am meisten verändern kann, wenn er den Menschen zeigt, was sie durch ihr Handeln verlieren. Er berührt durch Poesie, er stellt den Verlust in den Mittelpunkt und darüber bringt er den Besucher zum Nachdenken. Es ist die Stille, die nachdenklich macht. Die Schönheit der Bilder, die einem dazu bringt, Handeln zu wollen und sich stärker für Gerechtigkeit, Vielfalt, Leben einzusetzen.

Auch wenn bei seinen Erzählung Landschaften in Indien im Mittelpunkt stehen, man hat sofort im Kopf, dies kann überall passieren und es ist fast schon überall passiert, vielleicht nicht jetzt aber zu früheren Zeiten oder es kann morgen geschehen. Daher gibt es im früheren Kiosk jetzt auch den Evidenzraum – hier sind nicht nur die Beweise und Zeugnisse von Odisha zu sehen, hier können in Zukunft auch jene Evidenzen angebracht werden, auf die wir hier aufmerksam werden sollten …
Eine Ausstellung, die zum Nachdenken anregt und den Besuch lohnt….

Geöffnet Mittwoch und Donnerstag von 12:00 bis 17:00 Uhr, von Freitag bis Sonntag von 12:00 bis 19:00 Uhr bei freiem Eintritt.



Amar Kanwar: The Sovereign Forest
TBA21 – Augarten
1020 Wien, Scherzergasse 1A