André Derain Big Ben, 1906/07 Musée d'Art moderne, Troyes, Foto: RMN-Grand Palais / Gérard Blot  VBK, Wien 2013 Seit dem 20.9.2013 ist in der Albertina die Ausstellung "Matisse und die Fauves" zu sehen, die voraussichtlich bis zum 12.1.2014 laufen wird. Während Henri Matisse ein durchwegs bekannter Kunstschaffender ist, ist vielen die Bezeichnung "Fauvismus" und dessen Verbindung zu Matisse nicht allzu geläufig.

Diese Ausstellung bietet die Möglichkeit, Matisse anders kennenzulernen, fernab von den populären Scherenschnitten, aber auch Malerei und Grafik; vor allem jedoch gibt sie Gelegenheit, eine weniger bekannte avantgardistische Kunstbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts zu entdecken, die als solche zeitlich nicht länger als 3 Jahre dauerte (1905 - 1907/08), jedoch in den Nachwirkungen und in den Hintergründen weiter reicht, als man vermuten möchte. Die Albertina zeigt im Rahmen dieser Ausstellung Werke von Henri Matisse, André Derain, Georges Braque, Maurice de Vlaminck, Albert Marquet, Georges Rouault, Raoul Dufy, Robert Delaunay, Kees van Dongen, Henri Manguin und Louis Valtat.

André Derain, Porträt des Henri Matisse, 1905 Tate, London 2013 © VBK, Wien 2013Die Bezeichnung "Fauves" wurde spöttisch von einem Kunstkritiker mit der ersten Ausstellung geprägt und ist in diesem Kontext zu übersetzen mit: "Raubtiere" oder "Wilde". Diese Befremdung ist bald erklärt: die fauves'sche Intention war eine Abkehr von der akademischen Rigidität und ein Bruch mit dem Klassizistischen. Was nun Wichtigkeit erhielt, war die Empfindung und ihre rein subjektive Wiedergabe, welche möglichst unverfälscht und direkt sein sollte, bloß lose verbunden mit der tatsächlichen Erscheinung. So ergibt es sich auch, dass in diesem Kontext das Selbststudium und das Malen ohne Vorlage gepflegt wurden. Zum Vergleich: der österreichische Expressionismus ist weniger weit vom Fauvismus entfernt, als man denken mag, wenn er auch durch die wesentlich andere Thematik keine intuitive Nähe zu letzterem entstehen lässt.

In der Kritik Matisses am Impressionismus, der durch "widersprechende Eindrücke" nicht erstrebenswert erschien und dem durch "Vereinfachung der Ideen und gestaltenden Formen" entgegenzuwirken war, lässt sich die schließlich auch die Prioritätensetzung orten: die Farbgebung und der Bildaufbau. Inhaltlich zeigen die Motive oftmals wenig eigenständige Tiefe: so finden sich Landschaften und Ansichten, die die üblichen Darstellungsarten negieren und auch der Lieblichkeit und Romantik keinen Raum geben, deutlich abstrahiert und in der Farbigkeit bisweilen verspielt anmutend sind; des Weiteren Akte und Porträts, die sich farblich fast gänzlich von der bekannten Optik lösen. Die Kontraste sind kräftig und Klaus Albrecht Schröder (seines Zeichens Direktor der Albertina und Kunsthistoriker) umschreibt die Wirkung der Komplementärkontraste mit der Formulierung, es seien so viele, "dass die Bilder zu glühen scheinen". Ebenso fand der Pointillismus, durch den Matisse und Derain gingen (ersterer auch mit anekdotischer Anerkennung von Signac), wenig Zuspruch, und bald beschreibt Matisse diesen als "formzerstörend". Derain und er wandten sich, etwa zeitgleich mit der Formierung der Fauves, von dieser Richtung ab; interessant für die Fauves waren etwa Cézanne, Gauguin und Van Gogh.

Henri Matisse Papageien-Tulpen, 1905 Albertina, Sammlung Batliner © Succession H. Matisse/VBK, Wien 2013 Mit der Jahrhundertwende ergibt sich in der Kunst ein neues interkulturelles Bewusstsein, das auch die Fauves erfasst. Die Faszination für afrikanische Skulpturen bringen Vlaminck und Derain in die Gruppe. Auch bei Braque und Picasso und ebenso im österreichischen Expressionismus breitet sich ein Interesse für die Materie aus: die allgemeine Faszination ergibt sich auch durch die Unbeeindrucktheit und Unberührtheit der indischen und afrikanischen Kunst von dem bekannt Klassizistischen; diese Erfahrung erleichtert und befördert das Abbrechen von der akademischen Tradition. Die Skulpturen bringen eine zusätzliche Auflockerung und befördern nun nicht nur ein krass von Realismus abgewandtes Umsetzen von visuellen Eindrücken, sondern auch ein eigenständiges, plastisches Arbeiten bei Matisse und Derain. So zeigt die Albertina auch im Querschnitt Bronzefiguren von Matisse aus der Zeitspanne von 1901 bis 1909.

Henri Matisse Stillleben mit rotem Teppich, 1906 Musée de Peinture et Sculpture, Grenoble (?), Legs de Agutte-Sembat en 1923 Photographie © Musée de Grenoble © Succession H. Matisse/VBK, Wien 2013 Die überschaubare Gruppe, die in der Ausstellung vertreten ist, hatte laut Schröder eine starke Gruppenidentität, die auch dadurch zum Ausdruck gebracht wurde, dass sich Mitglieder gegenseitig porträtierten. 1905 ergab sich dies zwischen Matisse und Derain, und der derainsche Matisse ist auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen. Etwas abseits der nuklearen Fauves standen Georges Rouault und Kees van Dongen. Ersterer hebt sich durch düstere Farbgebung ab und beschäftigt sich mit symbolhafteren Inhalten. Darüber hinaus scheint Vlaminck interessant, der seinen Unterhalt bisweilen beim Musizieren in Nachtlokalen verdiente; durch seinen kräftigen und scheinbar ungeduldigen Pinselstrich wird er dem Expressiven noch näher gestellt als andere Fauves.

Maurice de Vlaminck, André Derain, 1906 The Metropolitan Museum of Art, New York, Foto: bpk  © VBK, Wien 2013 Die Fauves übten direkt wie indirekt Einfluss auch auf andere Avantgardebewegungen aus, etwa die ungarischen Nyolcak (dt. Die Acht), von denen einige als Malschüler an Privatschulen auch mit Matisse, Derain und Marquet in Kontakt kamen. Der Kubismus schließt nicht nur zeitlich an den Fauvismus an und wird allgemein als durch Braque und Picasso begründet gesehen (wenngleich etwa der Schriftsteller Appollinaire den Beginn bereits um 1906 durch eine Auseinandersetzung von Derain und Picasso ansetzt). Bei Delaunay und dem späteren sogenannten Orphismus finden sich in kubistischer Form eine Farbgebung, deren Zielsetzung die Überwindung der reduzierten Farbigkeit des Kubismus von Picasso und Braque war und möglicherweise ihrerseits auf die Gruppe Der Blaue Reiter und Chagall weitergewirkt hat. So kann der, für sich genommen, kurze und in sich auch diverse Fauvismus als wesentliches Bindeglied zu weitläufigeren Kunstströmungen verstanden werden. Die Parallelität zum österreichischen Expressionismus ist wenig augenscheinlich und doch ist das beiden grundlegende Element der direkten und unverfälschten Wiedergabe der Empfindung und die Abwendung von der akademischen Tradition ein wesentlicher Umbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Eine durchaus interessante Ausstellung!

Öffnungszeiten: täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr, Mittwoch von 10:00 bis 21:00 Uhr

Robert Delaunay Akte und Ibisse, 1907 Albertina, Wien - Sammlung Batliner © Robert Delaunay, L & M Services B.V. The Hague. Foto: © Fotostudio Heinz Preute, Vaduz Öffentliche Führungen Mittwoch 18.30 Uhr/ Samstag, Sonntag, Feiertag: 15.30 Uhr:
21. September/ 25. September/ 28. September/ 6. Oktober/ 12. Oktober/ 20. Oktober/ 26. Oktober/ 30. Oktober/ 1. November/ 3. November/ 6. November/ 9. November/ 17. November/ 20. November/ 23. November/ 30. November/ 4. Dezember/ 15. Dezember/ 18. Dezember/ 25. Dezember/ 26. Dezember/ 1. Jänner/ 6. Jänner/ 12. Jänner
Tickets an der Kassa erhältlich (am Tag der Führung) EUR 4,- zzgl. Eintritt, Begrenzte Teilnehmerzahl

Katherina Flich

Frühstück mit Matisse jeweils Samstag und Sonntag ab 10 Uhr: Französisches Frühstück im Do&Co:
Restaurant mit anschließender Führung durch die Ausstellung um 28 Euro

Albertina - Matisse und die Fauves 20.9.2013 – 12.1.2014
1010 Wien, Albertinaplatz 1, 1010 Wien
Tel: +43 (01) 534 83 – 0
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www.albertina.at