Gottfried Helnwein Retrospektive in der AlbertinaAnlässlich seines 65. Geburtstags startet die Albertina eine große Retrospektive des Künstlers, dessen Werke man fast 40 Jahre nach seiner letzten Ausstellung nun in einer ganz großen Schau wieder in Wien betrachten kann.

Er ist und bleibt einer meiner Lieblingsmaler und –künstler. Obwohl von vielen als Schockmaler bezeichnet, waren es seine Bilder, die mich in meiner Pubertät zum kritischen Hinterfragen brachten, aber auch mein Interesse an Kunst weckten. Allein die Aufregung, die seine Bilder verursachten – herrlich! All jene, die sich stundenlang über gegenstandslose Malerei aufregen konnten, hatten nun einen Künstler vor sich, der „gegenständlich“ malte – und wie!

Helnwein ging nach Deutschland und schließlich nach Irland und in die USA (Los Angeles) und je berühmter und bekannter er international wurde, desto ruhiger wurde es um den „Fan von Entenhausen“ im eigenen Land.

Die Ausstellung in der Albertina zeigt nun sein ganzes Schaffen, von seinen frühen Werken bis zu seinem Spätwerk und umfasst alle Medien seiner Ausdrucksweise: Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde, Fotografien.  In fast 200 Werken kann man die Entwicklung des Künstlers sehen, der ein Thema, eine Symbolfigur immer in den Mittelpunkt seiner Arbeiten gestellt hat: das Kind. Das Kind steht für die Opfer, die Gewalt, die Grausamkeit in der Gesellschaft.

Gottfried Helnwein Retrospektive in der AlbertinaHelnwein wollte nie nur provozieren oder schockieren, obwohl ihm das etliche Male ausgezeichnet gelungen ist, er will zum Nachdenken anregen, Reaktionen auslösen. Oft ist ihm dies gelungen: Es sei hier als Beispiel an die Veröffentlichung des Bildes „Lebensunwertes Leben“ mit einem Offenen Brief an den damaligen Gerichtspsychiater Dr. Heinrich Gross im Profil erinnert. Gross hatte auf die Frage nach den Praktiken der Euthanasie während der NS-Zeit mit der Bemerkung geantwortet, soweit er wisse, sei damals niemand durch Injektionen umgebracht worden, den Kindern sei lediglich Gift in ihr Essen gemischt worden, wodurch diese friedlich eingeschlafen seien. Der Aufschrei der Gesellschaft, auf den Helnwein nach dieser Aussage wartete, blieb aus. Daraufhin malte er das Bild „Lebensunwertes Leben“, das ein Kind zeigt, dem der Löffel beim Essen aus der Hand gefallen ist. Mit offenem Mund liegt sein Kopf im gefüllten Teller, über dem es tot zusammengebrochen ist. Die Veröffentlichung des Bildes zusammen mit folgendem Schreiben löste dann endlich eine breite öffentliche Diskussion zur Vergangenheit des NS-Arztes Dr. Gross aus: „Lieber Herr Dr. Gross, wie ich mir ‚Holocaust‘ angeschaut habe, ist mir Ihre Stellungnahme im ‚Kurier‘ wieder eingefallen. Und da wir gerade das Jahr des Kindes haben, will ich die Gelegenheit ergreifen und Ihnen im Namen der Kinder, denen unter Ihrer Obhut in den Himmel geholfen wurde, herzlich dafür danken. Danken dafür, dass sie nicht ‚totgespritzt‘ wurden, wie Sie sich ausdrücken, sondern dass ihnen das Gift lediglich ins Essen gemischt wurde. Mit deutschem Gruß, Ihr Gottfried Helnwein.“

In Helnweins Arbeiten spiegelt sich auch seine Kindheit und die Gesellschaft der frühen 1950er und 1960er Jahre in Wien wieder: Katholisch erzogen, aus kleinbürgerlichem Umfeld stammend, gemäß den damals vorherrschenden Moralvorstellungen erzogen. Man sprach nicht über die Gräuel des Dritten Reiches, viele waren nach den zwei verlorenen Weltkriegen und dem Verlust der Monarchie von einem Minderwertigkeitsgefühl übermannt, die Gesellschaft erschien ihm roh, aggressiv und autoritär. Er empfand die kollektive Verdrängung und Scheinheiligkeit zutiefst bedrückend und wollte sich mit seiner Kunst zur Wehr setzen und die Missstände aufzeigen und aufbrechen.

Gottfried Helnwein Retrospektive in der AlbertinaBald tauchen in seinen Bildern Comic- und Fantasiefiguren auf. Besonders Donald Duck, die ewig scheiternde, sich aber trotzdem nie entmutigende Ente, kennt Helnwein bereits seit seiner frühesten Kindheit, ist er doch schon bevor er noch Lesen kann ein großer Fan der deutschsprachigen Micky-Maus Hefte. Ihre farbenfrohe Welt erscheint ihm wie eine Rettung aus seinem damaligen tristen Alltag. In seinen neuesten Werken tauchen nun Figuren der Manga- und Anime-Welt auf. Seine Bilder werden größer, der Ausdruck der Kinder jedoch stiller, distanzierter.

Auf jeden Fall eine Ausstellung, bei der man zwar nicht Freude empfinden kann, die aber zum Nachdenken und Reflektieren anregt. – Und das wären keine schlechten Reaktionen in Zeiten wie diesen, denen sich eigentlich jeder Mann und jede Frau ab und zu aussetzen sollte!! Daher:  Schauen Sie sich das an ….

Hier noch einige Statements von Gottfried Helnwein im Original von der Pressekonferenz, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Zur Frage, ob seine Lebensumgebung seine Arbeiten beeinflusst:



Der Grund warum er in den USA leben muss:



Sollen Kinder an die Macht?



Zum Thema Technik und Stil in der Malerei und was er jungen Künstlern raten würde:

Öffnungszeiten

Täglich 10:00 bis 18:00 Uhr, Mittwoch 10:00 bis 21:00 Uhr

Öffentliche Führungen

Mittwoch 18:30 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag: 15:30 Uhr – Genaue Termine auf der Albertina Website. Tickets sind am Tag der Führung an der Kassa erhältlich. Achtung! Begrenzte Teilnehmerzahl.

Zur Ausstellung wird ein vom Künstler selbst eingesprochener Audioguide angeboten. Außerdem ist ein Katalog zur Ausstellung erhältlich.
Gottfried Helnwein

 

 

Gottfried Helnwein – Retrospektive
Albertina – Kahn Galleries
1010 Wien, Albertinaplatz 1
Tel: +43 1 534 83 – 0
Email: info@albertina@at
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