Bis 8.3.2020 hat man noch Gelegenheit die große Ausstellung über die Familie der Ephrussis im Jüdischen Museum zu sehen und den Hasen (eigentlich die Hasen) mit den Bernsteinaugen zu sehen…

Ich habe die Geschichte der Familie Ephrussi zuerst gelesen. Das Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal schildert diese – seine – Familiengeschichte. Mit der Ausstellung im Jüdischen Museum Wien kann man sich nun auf eine Zeitreise begeben und auch den Hasen, Namensgeber des Buches, kennen lernen.

Blick in die Ausstellung über die Familie Ephrussi im Jüdischen Museum Wien
Blick in die Ausstellung über die Familie Ephrussi im Jüdischen Museum Wien


Der Hase mit den Bernsteinaugen gehört zu einer Sammlung von Netsukes, kleine japanische Kleinode, die ursprünglich dazu geschaffen wurden, einen Beutel am Kimono festzuhalten. 157 Netsukes sind in der Ausstellung zu sehen, die die Familie de Waal dem Jüdischen Museum als langfristige Leihgabe zur Verfügung stellte. Allein diese kleinen Kunstwerke wären es schon wert in die Ausstellung zu pilgern. Die Geschichte der Familie – einst eine der einflussreichsten von Wien und als Bankiers durchaus mit den Rothschilds vergleichbar, heute über die ganze Welt verstreut – ist es auch. Wer es nicht schafft, die Ausstellung zu besuchen, sollte zumindest das Buch lesen – es ist gibt Aufschluss über einen Teil unserer Geschichte, den wir nicht vergessen sollten. Am besten ist es aber, das Buch zu lesen UND die Ausstellung zu besuchen.

Ein Teil der einzigartigen Netsuke-Sammlung (Foto © JMW, Wulz)
Ein Teil der einzigartigen Netsuke-Sammlung (Foto © JMW, Wulz)


Die Ephrussis stammten ursprünglich aus Odessa, wo sie sich wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg erarbeiteten. Chaim Joachim Ephrussi und seine Söhne Ignaz und Leon waren hervorragende Netzwerker, sodass sie bald ihr Firmenimperium über die Grenzen von Russland hinaus erweiterten. 1857 wurde mit Erlaubnis der russischen Behörden ihr Handelshaus in Wien gegründet und Ignaz kam nach Wien, während Leon die Geschäfte in Odessa leitete. Die Heirat von Ignaz mit Emilia Porges sorgte für seine Zugehörigkeit zu den alteingesessenen jüdischen Familien in Wien. 1871 verlieh Kaiser Franz Joseph dem – noch immer – russischen Staatsbürger für seine Verdienste um die Stadt Wienh den erblichen Adelstitel.

Die Netsuke-Sammlung (Foto © JMW, Wulz)
Die Netsuke-Sammlung (Foto © JMW, Wulz)


Bereits 1869 hatte Ignaz Ephrussi Theophil Hansen den Auftrag für sein Palais am damaligen Franzensring 24, heute Universitätsring 14 (gleich bei der U-Bahnstation) gegeben. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Gestaltung der Belle Étage mit einem separaten Stiegenhaus für den Hausherrn und seine Familie gelegt. Die Repräsentationsräume wurden bis ins kleinste Detail als Gesamtkunstwerk geplant und ausgeführt.

Blick in die Ausstellung (Foto © Jüdisches Museum Wien, Wulz)
Blick in die Ausstellung (Foto © Jüdisches Museum Wien, Wulz)


Charles, einen Sohn von Leon Ephrussi zog es nach Paris, wo er als Kunstmäzen und Sammler einen Namen erlangte und sogar Marcel Proust zu seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ inspirierte.

Blick in die Ausstellung (Foto © Jüdisches Museum Wien, Wulz)
Blick in die Ausstellung (Foto © Jüdisches Museum Wien, Wulz)


Doch die Zeiten für die Familie wurden immer gefährlicher. In Frankreich spaltete die Dreyfus Affäre die französische Gesellschaft und auch in Wien waren die Auswirkungen des Antisemitismus immer stärker zu spüren. Schließlich vertrieb das nationalsozialistische Regime die Familie aus Wien und raubte ihr gesamtes Vermögen. Nur die Netsuke-Sammlung blieb erhalten, die ihre Haushälterin Anna damals rettete.

Das Palais Ephrussi in einer alten Ansicht (Foto © Jüdisches Museum Wien)
Das Palais Ephrussi in einer alten Ansicht (Foto © Jüdisches Museum Wien)


Bald waren die Familienmitglieder über die ganze Welt zerstreut und sind es auch heute noch.

Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)
Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)


Viktor Ephrussi flüchtete im März 1939 zu seiner Tochter Elisabeth de Waal nach Großbritannien, wo er am 12. März 1948 starb. In seinem Testament widerrief er den Verzicht seiner Besitztümer in Wien, der in vorher von der Gestapo abgepresst worden war. Elisabeth baute sich in Großbritannien ein neues Leben auf. Die Familie konvertierte zur Church of England, ihr ältester Sohn Viktor schlug später eine Karriere als anglikanischer Priester ein, war von 1976 bis 1986 Dekan von Canterbury und ist heute in der Flüchtlingshilfe tätig.

Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)
Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)


Ignaz „Iggie“ Ephrussi verließ Wien bereits vor dem Anschluss 1938 und ging nach Aufenthalten in Paris und Frankfurt bereits 1934 in die USA, wo er als Modedesigner arbeitete. 1941 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Auch seinem jüngerem Bruder Rudoph gelang 1939 die Flucht aus Wien in die Vereinigten Staaten. Beide dienten nach dem Eintritt der USA in der Armee und kehrten als Soldaten nach Europa zurück. Rudolf wurde dabei mit der Bronze Star Medal ausgezeichnet, sein Bruder war 1944 bei der Landung der Alliierten in der Normandie mit dabei. Er zog danach nach Japan und wurde 1965 erneut österreichischer Staatsbürger. Rudolph blieb den Rest seines Lebens mit seiner Frau und den sechs Kindern in den USA.

Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)
Blick in die Ausstellung (Foto © JMW, Wulz)


Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der zum Preis von 29,90 Euro im Zsolnay Verlag erhältlich ist. Das Jüdische Museum Wien in der Dorotheergasse ist von Sonntag bis Freitag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet.

Weitere Impressionen:

6.11.2019-8.3.2020 Die Ephrussis. Eine Zeitreise.
Jüdisches Museum Wien
1010 Wien, Dorotheergasse 11
Tel: +43 1 535 04 31
Email: info@jmw.at
www.jmw.at