Das Dommuseum in Wien befasst sich in seiner neuen Ausstellung vom 4.10.2019 – 30.8.2020 mit den unterschiedlichsten Familienbildern und Familienbanden.

Familie im Dommuseum. Wer sich hier allerdings eine Ausstellung erwartet, die sich nur einem konservativen Familienbild widmet, der wird enttäuscht werden. Mutig zeigt Kuratorin und Direktorin Johanna Schwanberg alle Facetten von Familie: einen Ort der Liebe, Geborgenheit und Solidarität, aber auch einen Ort der Gewalt, Machtausübung und Missbrauch. Familie kann alles sein: die klassische Vater-Mutter-Kind-Idylle, aber auch die Freunde, eine Adoptivfamilie oder ein ganzer Clan.

Johanna Schwanberg bei der Pressekonferenz
Johanna Schwanberg bei der Pressekonferenz


Hier ein kurzes Statement von Kuratorin und Direktorin Johanna Schwanberg zur Ausstellung aus der Pressekonferenz:

 

Berührend werden diese unterschiedlichen und teilweise einander widersprechenden Positionen in der Ausstellung gezeigt, die sich in vier Themenbereiche gliedert: Gesellschaft und Wandel, Beziehungen und Emotionen, Privater und öffentlicher Raum und Erinnerungen und Träume. In all diesen Bereichen werden unterschiedliche Positionen gezeigt, aber auch Bilder unterschiedlicher Epochen zusammengeführt.

Die Familienbilder von Katharina Mayer
Die Familienbilder von Katharina Mayer


So kommt dem Besucher gleich zu Beginn verschiedene Familien im Rahmen einer Installation entgegen, während auf der Seite Der Sonntagsspaziergang von Carl Spitzweg das familiäre Ritual mit leisen ironischen Tönen mehr als Pflichtveranstaltung denn als das wahre Vergnügen darstellt.

Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang, 1841, Salzburg Museum © Dom Museum, Family Matters
Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang, 1841, Salzburg Museum © Dom Museum, Family Matters


Im nächsten Raum haben mich die großformatigen Fotografien von Katharina Mayer sehr beeindruckt: sie zeigt den großen Bogen von der traditionellen Kleinfamilie, über die Patchwork- und Regenbogenfamilie, eine Adoptivfamilie, eine alleinerziehende Mutter, einen mit seiner Mutter zusammenlebenden erwachsenen Mann, ein Ehepaar ohne Kinder, dafür aber mit vielen Plüschtüren oder drei Freunde, die gerade im schwierigen pubertären Alter stecken und wahrscheinlich „wenig Bock“ auf ihre Familie haben. Hier sind die Freunde zur Familie geworden.

Katharina Mayer, Alex & his friends, 2008 (© Dom Museum, Family Matters)
Katharina Mayer, Alex & his friends, 2008 (© Dom Museum, Family Matters)


Gegenübergestellt sind dieser bunten Vielfalt die sogenannten „Heiligen Sippen“  der flämischen Porträtisten und Historienmaler des 17. Jahrhunderts.

Angelika Kauffmann, Modello für das Gruppenbild der königlichen Familie von Neapel,  1782/83, © Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz-Vienna.
Angelika Kauffmann, Modello für das Gruppenbild der königlichen Familie von Neapel, 1782/83, © Liechtenstein. The Princely Collections, Vaduz-Vienna.


Im nächsten Raum zieht sofort das Bild von Maria Lassnig den Blick auf sich, aber auch die beiden Skulpturen beherrschen den Raum.

Maria Lassnig, Obsorge, ab 2008 © Maria Lassnig Stiftung
Maria Lassnig, Obsorge, ab 2008 © Maria Lassnig Stiftung


Beeindruckend und nachdenklich machend ist auch das Bild von Maria Lassnig, das noch dazu mit „Obsorge“ betitelt ist. Beide Elternteile zerren an dem Kind. Ob sie sich gerade in Scheidung befinden? Oder im Wettstreit, wer mehr Rechte hat das Kind zu erziehen, zu lieben, zu strafen? Ein Bild, das sehr nachdenklich stimmt.

Sam Jinks, Woman and Child, 2010 © Courtesy of the artist and Sullivan + Strumpf
Sam Jinks, Woman and Child, 2010 © Courtesy of the artist and Sullivan + Strumpf


Berührend ist auch die Plastik „Woman and Child“ von Sam Jinks: Eine mit einem Nachthemd bekleidete  ältere Frau hält einen nackten Säugling im Arm.  Faszinierend die Detailgenauigkeit, aber auch der Ausdruck im Gesicht der Frau.

Thernberger Madonna, um 1320, Dom Museum Wien, Leihgabe der Pfarre Thernberg, NÖ
Thernberger Madonna, um 1320, Dom Museum Wien, Leihgabe der Pfarre Thernberg, NÖ


Dieser Plastik ist gegenüber steht eine weitere faszinierende Skulptur, allerdings um viele, viele Jahre älter: Es ist die Thernberger Madonna, die als Leihgabe der Pfarre Thernberg aus Niederösterreich in die Ausstellung kam. Hochaufgerichtet steht sie da, - eine selbstbewusste Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm. Faszinierend auch ihr Alter: Die Madonna gelangte im Zuge einer Stiftung des Habsburger Herzogs Friedrich des Schönen um 1320 nach Thernberg.

Judith Samen, o.T. (Brotschneiden) Bildrecht Wien, 2019, Foto © Achim Kukulies
Judith Samen, o.T. (Brotschneiden) Bildrecht Wien, 2019, Foto © Achim Kukulies


Im Themenbereich „Privater und öffentlicher Raum“ liegt der Schwerpunkt neben der Präsentation von Biedermeierarbeiten, die den Familienalltag idealisieren, auch auf Werken zeitgenössischer Künsterinnen, die sich mit Aspekten der Geschlechterrollen befassen, wie die Darstellung einer brotschneidenden Mutter mit Kind unter dem Arm von Judith Samen aus 1997.

Neo Rauch, Vater, 2007, Sammlun Ruth (Foto © Uwe Walter, Berlin, Bildrecht Wien, 2019)
Neo Rauch, Vater, 2007, Sammlun Ruth (Foto © Uwe Walter, Berlin, Bildrecht Wien, 2019)


Die Schau schließt mit Werken aus dem Bereich der Erinnerungen und Träume: So verarbeitete Neo Rauch den Tod seines verunglückten Vaters in einer traumhaft surrealen Weise. Weronika Gẹsickas zeigt wiederum fantastische Bilderwelten, die die Familie neu und anders denken lassen, Uli Aigner schuf mit ihrer Farbstiftzeichnung einen neuen Blickwinkel auf Familienverhältnisse und die Herausforderungen der neuen Zeit.

Uli Aigner, Z.K., 2013 (Foto © Lena Deinhardstein)
Uli Aigner, Z.K., 2013 (Foto © Lena Deinhardstein)


Ich habe hier nur eine kleine Auswahl der Werke angeführt, die mich besonders beeindruckt haben. Am besten, Sie sehen sich selbst in der Ausstellung um, nicht nur die Sonderausstellung, auch die Dauerausstellung ist absolut sehenswert.

Christian Eisenberger, Weihnachten 1944, 2008, Spreegold Collection Berlin, Foto © Lena Deinhartstein
Christian Eisenberger, Weihnachten 1944, 2008, Spreegold Collection Berlin, Foto © Lena Deinhartstein


Das Dommuseum ist von Mittwoch bis Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Am Donnerstag von 10:00 bis 20:00 Uhr. Montag, Dienstag und an gesetzlichen Feiertagen ist das Museum geschlossen.

Blick auf die Videoinstallationen
Blick auf die Videoinstallationen


Das Dom Museum bietet auch sehr viele interessante Programmpunkte im Rahmen der Ausstellung. Hier können Sie den Programmfolder downloaden.

Dom Museum Wien
1010 Wien, Stephansplatz 6
Tel: +43 1 51552 5300
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.dommuseum.at