Vom 18.10.2018 – 26.2.2019 widmet das Welt Museum Wien einem im Moment sehr heftig diskutiertem Stück Stoff eine ganze Ausstellung.

Dieses Stück Stoff ist um vieles älter als Judentum, Christentum und Islam, aber immer wies es anscheinend auf gesellschaftliche Unterschiede hin, immer wieder war es dazu da, etwas zu verbergen, vor gierigen Blicken zu schützen, jemanden die Würde zu geben oder zu nehmen.

Blick in die Ausstellung
Unzählige Bedeutungen hat es in seiner Geschichte erfahren und während es heute fast ausschließlich mit Frauen und dem Islam in Zusammenhang gebracht wird, kann man in dieser Ausstellung erfahren, dass es auch Männer waren (und zum Teil sind) die Kopftuch tragen – vielleicht anders gebunden und vielleicht nicht immer gleich von uns als Kopftuch erkannt.

Blick in die Ausstellung
Auch im Christentum hat das Kopftuch seine Tradition, obwohl man es eigentlich schon in das alte Mesopotamien verorten kann, lange bevor die drei monotheistischen Religionen sich seiner „Verhüllung“ bemächtigten.

Blick in die Ausstellung

Ich möchte hier eigentlich nur auf den christlichen Teil eingehen und diesen wieder ein wenig in die Diskussion (an der sich das Welt Museum Wien nicht beteiligen möchte) in die Diskussion rücken, denn auch für die Christen wurde der Schleier zum Sinnbild der Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit und Jungfräulichkeit. So forderte auch der Apostel Paulus, der nicht gerade als Vorreiter der Gleichberechtigung bekannt ist, von den Frauen, ihr Antlitz mit einem Schleier zu verhüllen, wenn sie mit Gott reden. Offenes Haar galt als unsittlich, nur die Jungfrau Maria trägt es mitunter auf diese Weise. Das bedeckte Haupt war das Vorrecht verheirateter Frauen und der Ordenstracht der Nonnen, starb der Mann, hatte die Frau den Witwenschleier anzulegen. Kommen Ihnen diese Vorschriften bekannt vor? Ja?

Blick in die Ausstellung
Noch heute kann man in manch burgenländischen Dörfern die Frauen in schwarzer Kleidung und schwarzen Kopftuch beobachten. Noch im Wien der 1960er ging meine Großmutter ganz selten ohne Kopftuch aus dem Haus, wenn sie es auch damals schon mit dem Schutz vor dem Wind begründete.

Blick in die Ausstellung
In den 1950er Jahren stand das bedruckte Kopftuch als Modeaccessoire für Luxus, Eleganz und Emanzipation. Grace Kelly oder Audrey Hepburn sind in vielen Abbildungen mit Kopftuch zu sehen, der einzige Unterschied zu manchen Kopftuchträgerinnen von heute ist einfach die Art und Weise wie es gebunden wird. Zu meiner Jugendzeit gab es dann noch die Seidentücher von Hermès als letzten Schrei – egal ob als Kopftuch oder als Schal um den Hals gebunden. Mit einem Hermès war man einfach mit dabei …

Blick in die Ausstellung
In dieser Zeit – als das Seidentuch vom Kopf zum Hals „rutschte“ war es meiner Meinung nach auch in unseren Breiten (in den großen Städten wohlgemerkt) mit der „Etikette“ des „Kopftuchtragens“ vorbei, auch die Trauerkleidung wurde zu dieser Zeit mehr und mehr verdrängt und auch nicht mehr lange, sondern gerade noch zum Begräbnis des Verstorbenen und vielleicht kurze Zeit danach getragen.

Blick in die Ausstellung
Allein daran kann man schon erkennen, wie sich Mode, gesellschaftliche Normen, Kleiderordnungen im Laufe der Zeit verschieben und verändern können. Lange dauerte es auch bei uns bis die Machtverhältnisse in den Geschlechterbeziehungen hinterfragt wurden. Immerhin dauerte es bis 1976 bis in Österreich das patriarchalische Ehemodell abgelöst wurde: bis dahin konnte der Ehemann nicht nur über den Wohnsitz der Familie bestimmen, erst 1989 werden durch die Sexualstrafrechtsreform Vergewaltigung und geschlechtliche Nötigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft strafbar. Das muss man sich einmal vor Augen halten! Gerade mal 30 Jahre her – im nächsten Jahr!

Nilbar Güres Soyunma/Undressing, 2016, Foto: Nicole Tintera, © Courtesy Galerie Martin Janda Wien
Mit all diesem Gesichtspunkten im Hintergrund präsentiert nun das Welt Museum Wien siebzehn eigenständige Positionen zum Thema Kopftuch, die den Blick auf dieses Stück Stoff um neue und vielleicht auch unerwartete Aspekte erweitern sollen. Dabei werden die aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten bewusst nicht kommentiert, sondern die 4000 Jahre alten Diskussionen um dieses Stück Stoff dokumentiert und ein Bogen der Erscheinungsformen des Kopftuches innerhalb der drei monotheistischen Religionen bis zu den Kreationen rezenter ModekünstlerInnen gespannt.

Ludwig Gustav Alois Zöhrer, Verschleierter Tuareg-Mann der Kel Rela, Weltmuseum Wien, Fotosammlung © KHM-Museumsverband
Das Welt Museum Wien ist täglich außer Mittwoch von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Freitag bis 21:00 Uhr.

Gerda Bohm Frau der Ayt Haddidou in Festtagstracht, 1959, Weltmuseum Wien Fotosammlung © KHM-Museumsverband
Zur Ausstellung ist Katalog erschienen, der auch online im Museumsshop des KHM bestellt werden kann: https://shop.khm.at

Blick in die Ausstellung

18.10.2018 – 26.2.2019 Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch
Welt Museum Wien
1010 Wien, Heldenplatz
Tel: +43 1 534 30-5052
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.weltmuseumwien.at

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