Das Jüdische Museum Wien zeigt 17.10.2018 - 28.4.2019 eine wunderbare Ausstellung über Lenny, dessen Verhältnis zur Stadt nicht immer leicht war…

Was macht man bloß, wenn zwei wichtige Pressekonferenzen fast zur selben Zeit stattfinden? Ich habe gehofft, dass jene im Welt Museum Wien kürzer von statten geht, das war ein Irrtum, doch davon ein anderes Mal. Aber ich bin dann noch schnell vom Heldenplatz ins Jüdische Museum Wien auf dem Judenplatz gelaufen. Die Statements von Direktorin und den Kuratoren der Ausstellung habe ich zwar verpasst, aber die Schau habe ich gesehen.

Leonard Bernstein © First Lookpicturedesk
Ich verehre Leonard Bernstein schon seit langer Zeit, für mich war er immer der bessere, größere, menschlichere Künstler als Karajan. Jener der die Emotion der Musik zum Schwingen brachte. Vielleicht nicht immer so präzise wie Karajan, aber dafür mit viel mehr Herz!

Leonard Bernstein © Franz Gittenberger
Noch dazu war er – auch – Komponist. Meine besondere Hochachtung löste allerdings eine Fernsehsendung aus, in der er Jugendlichen Mahler erklärte. Mahler! Hatte ich nie verstanden. War mir immer egal gewesen und die Musik hatte mir nie gefallen und sie konnte mich auch nicht berühren. Und doch schaffte es Lenny mit dieser Sendung mir zumindest diesen Teil von Mahler nahe zu bringen. Ich war einfach hin und weg. So etwas konnte einfach nur er…

Blick in die Ausstellung: Leonard Bernstein bei Peter Rapps Wurlitzer
Im Jüdischen Museum feiert man nun den 100. Geburtstag des Stardirigenten und stellt dabei seine Beziehung zu Wien in den Mittelpunkt, wobei man sich natürlich mit seinen jüdischen Wurzeln befasst und ihn auch als politischen Menschen zeigt.

Blick in die Ausstellung Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
Eigentlich kannte ich Bernstein in erster Linie als Komponist der West Side Story und Candide und als Dirigent, von dem die Wiener Philharmoniker selbst behaupteten (so erzählt es zumindest die Mär), dass erst er ihnen Mahler erklären und näher bringen konnte. (Da bin ich ja in guter Gesellschaft).

Blick in die Ausstellung Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
Sein jüdischer Hintergrund war mir nicht bewusst. Da war mir schon eher bekannt, dass einige der Wiener Philharmoniker während des nationalsozialistischen Regimes und auch danach keine „Vorzeigerolle“ spielten. Es kann für Bernstein nicht einfach gewesen sein, war doch bekannt, dass auch nach 1945 viele sehr schnell rehabilitiert wurden, die Vergangenheit erst ganz spät aufgearbeitet wurde und anstatt dessen versucht wurde, den Mantel des Schweigens über diese Zeit zu legen. Bernstein schaffte es auch diese Tatsache einerseits mit Humor zum Umschiffen, aber doch den Finger auf die Wunde zu legen, wie einige seiner Aussprüche zeigen, auf die auch in der Ausstellung eingegangen wird:

Leonard Bernstein © Franz Gittenberger
So schreibt Leonard Bernstein in einem Brief an Helen Coates aus dem Hotel Bristol am 8.3. 1966: „Ich spiele gar nicht gern den Helden, Und die Wahlen hier waren recht deprimierend: Nazi-artige Demonstrationen auf dem Platz vor meinem Fenster. So eine brüllende deutsche Menge hat immer noch was an sich, das mir das Blut gefrieren lässt. Ich weiß nicht, ob ich Wien je wirklich lieben kann“

Leonard Bernstein © Franz Gittenberger
1967 erfuhr Bernstein auch, dass Geschäftsführer Helmut Wobisch nicht nur Mitglied der NSDAP und bei der SS gewesen war, sondern auch für den Sicherheitsdienst der Nationalsozialisten gearbeitet hatte. Seine Anrede änderte sich daher immer wieder sarkastisch auf „my dearest Nazi“.

Blick in die Ausstellung Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
Auf die Frage eines Journalisten, warum er denn eine Trachtenjacke trägt, antwortete Bernstein: „Ich trage sie als Therapie gegen deutschen Nationalismus – an den ich mich immer noch erinnere und den ich immer noch nicht mag“.

Bernstein konnte die Wiener Philharmoniker wie auch das Wiener Publikum und ihre Vorlieben recht gut einschätzen. So äußerte er sich auch einmal über seine Arbeit am Rosenkavalier: „Ich zerlegte die Partitur, räumte mit den Rhytmen auf, ordnete die Streichinstrumente neu. Ich zitterte, weil ich wusste, dass ich all die nette träge Schlampigkeit, all den Schlagobers entfernt hatte, den die Wiener schätzen.“

Leonard Bernstein © Historisches Archiv der Wiener Philharmoniker
Bernstein war – auch das hat mir erst jetzt die Ausstellung gezeigt – ein sehr politischer Mensch. New York prägte ihn auch in politischer Hinsicht: er steht (auch mit seiner West Side Story) für ein Amerika der Einwanderer, macht bereits 1947 in einem Artikel in der New York Times auf die Diskriminierung von schwarzen Menschen in den USA aufmerksam und bezieht unermüdlich Stellung in sozialen Fragen und auch zum Vietnamkrieg.

Blick in die Ausstellung Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
In der Ausstellung wird auch auf sein privates Leben eingegangen: 1951 heiratet er die chilenische Schauspielerin Felicia Montealegre und gründet eine Familie. Doch bereits in den Flitterwochen schrieb er Trouble in Tahiti – eine Oper über ein total zerstrittenes Ehepaar.

Lenny war auch für moderne Klänge offen
Eine Karriere im Musikbetrieb als bekennender Homosexueller wäre damals unvorstellbar gewesen. So wurde damals Bernsteins Vorgänger als Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker 1957 aufgrund von schwulenfeindlichen Angriffen entlassen. Bernstein, vormals sein Geliebter, bekam seinen Posten.

Zeit seines Lebens muss ihn diese Zerrissenheit begleitet haben, denn die Legalisierung und Anerkennung gleichgeschlechtlichen Lebens hat er nicht mehr erlebt.

Blick in die Ausstellung - ein Frack vom Wiener Schneider aus New York
Die Ausstellung befasst sich also nicht nur mit dem Künstler – Dirigenten und Komponisten – von dem auch viele musikalische Beispiele zu hören sind, sondern vor allem auch mit dem Menschen Bernstein. Sie zeichnet sein Leben, seine Einstellung, sein Ringen um musikalische wie auch gesellschaftliche Statements nach. Dazu kann man einige – auch ganz persönliche – Gegenstände von Lenny betrachten, seinen „Haus und Hof-Schneider“ in New York, der aus Wien stammte, kennen lernen, ein Video von seinem damaligen Auftritt beim Wurlitzer mit Peter Rapp betrachten und vieles mehr.

Blick in die Ausstellung Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
Eine Ausstellung für all jene, die Geschichte, Musik und Lenny interessiert. Eine Ausstellung, die er sich zu seinem 100. Geburtstag wirklich verdient hat. Schade, dass er nicht mehr unter uns weilt.
So und nun lege ich mir die LP der West Side Story auf, mit Kiri Te Kanawa und José Carreras – und natürlich dirigiert Leonard Bernstein.

Das Jüdische Museum Wien Judenplatz ist von Sonntag bis Donnerstag von 10:00 bis 18:00 Uhr, am Freitag von 10:00 bis 17:00 Uhr (während der Winterzeit von 10:00 bis 14:00 Uhr) geöffnet.

Zur Ausstellung ist auch ein wunderbarer Katalog erschienen – ein Must have für alle Bernstein-Freunde und solche, die es werden wollen.

Leonard Bernstein
17.10.2018-28.4.2019 Leonard Bernstein. Ein New Yorker in Wien
Jüdisches Museum Wien Judenplatz
1010 Wien, Judenplatz 8
Tel: +43 1 535 04 31
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.jmw.at

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