Im Palais Niederösterreich findet vom 4.9.-31.10.2018 eine sehenswerte Ausstellung über die 1848er Revolution ihre Heimat.

Es ist kein Zufall, dass gerade das Palais Niederösterreich, das frühere Landhaus dieser Ausstellung Raum bietet: spielt doch das Palais auch in diesem Abschnitt der österreichischen Geschichte eine besondere Rolle.

Das Palais Niederösterreich mit dem Hinweis auf die Ausstellung am Marschallbalkon

So sollte die am 13.3.1848 einberufene Versammlung der niederösterreichischen Stände der Anfang der Revolution in Wien werden. Bereits am Vormittag versammelten sich im Hof des Gebäudes eine Menschenmengen aus Schaulustigen und Demonstranten. Man schätzt, dass im Laufe der Zeit an die 4.000 Studenten der Universität, Bürger, aber auch Arbeiter und Gesellen zusammenkamen. Flammende Reden wurden gehalten und auch die Freiheitsrede von Lajos Kossuth wurde verlesen. Schließlich drangen sogar einige Demonstranten in das Landhaus ein.

Das Bild zeigt die

Schließlich willigte Landmarschall Albert Graf Montecucolli ein, eine Petition mit Reformforderungen an den Kaiser zu übergeben und zog um die Mittagszeit mit einem Teil der Demonstranten zum Hof, wo die Delegation allerdings vergeblich versuchte eine Audienz zu erhalten.

Die Forderungen der Revolution auf den Stufen zur Ausstellung (Foto © Museum Niederösterreich)

Währenddessen blieb aber eine große Menschenmenge um das Landhaus und zerstreute sich nicht, weshalb Erzherzog Albrecht, zu dieser Zeit Militärkommandant der Stadt Wien und gerade um die 30 Jahre alt, den Befehl gab, die Herrengasse gewaltsam zu räumen. Daraufhin eskalierte die Situation: Der Schießbefehl wurde erteilt, man feuerte in die unbewaffnete Menge, fünf Menschen starben. Darunter Karl Heinrich Spitzer, ein 17jähriger jüdischer Polytechnikstudent aus dem mährischen Bisenz, der zum ersten Opfer für Recht und Freiheit erklärt wurde.

Das erste Opfer der Revolution, Karl Heinrich Spitzer, links, und Lajos Kossuth (Foto © Dagmar Postel)

Damit hatten die Unruhen, die in Mailand, Ungarn und Paris begonnen hatten, auch auf Wien übergegriffen. Auf den damaligen Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten, Volksvertretungen, einer Verfassung, der Befreiung der Bauern, nationaler Selbstbestimmung und sozialer Sicherheit entstand die Basis für unsere heutige moderne demokratische Gesellschaft. Schon allein deshalb sollte man die Ausstellung in jedem Fall besuchen.

Die Chronologie der Ereignisse zieht sich durch alle Räume (Foto © Dagmar Postel)

Hans Hoffer, der die Ausstellung als Architekt verantwortet, hat eine tolle Konzeption geschaffen. Wie ein Film ziehen sich die Ereignisse chronologisch und mit vielen Bildern durch die Ausstellung von Raum zu Raum. Herzstück der Ausstellung sind Originalobjekte wie Lithographien und Flugblätter der „Sammlung Steiner“, die hier erstmals öffentlich präsentiert werden. Steiner war Historiker und Begründer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, der über Jahrzehnte eine private Sammlung zum gesamteuropäischen Revolutionsjahr aufbaute und die mehr als 5.500 Objekte umfasst.

Der Maschinenmensch im ersten Raum der Ausstellung (Foto © Dagmar Postel)

Installationen laden zum Zuhören ein, aber es ist auch allerhand Lesenswertes zu finden. Für mich war es z.B. interessant zu erfahren, woher der Ausdruck „Katzenmusik“ stammt und wann sie gespielt wurde. Das Volk war zur damaligen Zeit in seinen Protestmöglichkeiten eingeschränkt und so versuchte man sich mit Trommeln, Glocken, Tschinellen, Eisenpfannen und Ratschen Gehör zu verschaffen und auf Missstände hinzuweisen.

Auch die Flintenweiber kann man in der Ausstellung kennen lernen (Foto © Dagmar Postel)

Auf den vielen wunderbaren Lithographien, teilweise vergrößert, teilweise im Original kann man nicht nur die „Flintenweiber“ kennen lernen, die auch die Revolution unterstützten und über die (wieder einmal) sehr wenig bekannt ist, sondern auch den fliehenden, mit langer Nase ausgestatteten, Metternich bewundern, dessen Spitzel-, Zensur- und Obrigkeitsstaat auch den Anlass zur Revolution gab.

Im Blauen Salon lernt man die Geschichte im Zeitraffer kennen (Foto © Dagmar Postel)

Neben der Ausstellung über die historischen Fakten, sollte man auch nicht verpassen, hin und wieder einen Blick zur Decke zu werfen: Die Verordnetenratsstube mit ihrer reichen Renaissance Ausstattung wie auch der „Blaue Salon“ mit einem Portrait des Staatsgründers Karl Renner sind erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Im Blauen Salon blinkt in der Ausstellung Renner auf die Barrikade (Foto © Museum Niederösterreich)

Gleich beim Eingang wird man von der Skulptur des „Maschinenmenschen“ einen scheibenförmig aufgebauten Körper aus Eisen empfangen, der die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine, empfangen. Durch die Ausstellung ziehen sich auch immer wieder Pflastersteine, Ziegel und auch ein Klavier mit Holzbalken, die alle auf die Barrikaden hinweisen sollen, von denen allein in der Wiener Innenstadt 160 errichtet wurden. Auf einer Karte in der Verordnetenratsstube kann man sehen, wo sie aufgestellt waren. Dort finden sich auch die Revolutionäre und die Verteidiger des alten Systems gegenübergestellt.

Ein Blick auf die Barrikaden in der Wiener Innenstadt im Revolutionsjahr 1848 (Foto © Dagmar Postel)

Auf keinen Fall übersehen sollte man auch die Stele aus Stahl, die 8 Meter hoch aus einer Barrikade aus Pflastersteinen ragt und die Geschoße des Aufgangs durchdringt. Sie soll ein Mahnmal der unzähligen Toten in Wien sein, die die Revolution kostete. Name, Berufe und Todesarten sind hier ablesbar und führen uns, getragen von Stufen mit den Forderungen und Zielen der Revolution aufwärts – Beethovens Fidelio begleitet dabei den Besucher.

Die Stele mit den Namen der Gefallenen (Foto © Dagmar Postel)

Eine Ausstellung, die uns zurück in die Anfänge der Demokratie führt, die zeigt mit welchen Opfern sie erstritten wurde, aber auch welche Gegebenheiten (Hunger, Ausbeutung) dazu geführt haben, dass sich Studenten, Bürger, Bauern und Arbeiter gegen die Herrschenden auflehnten. Dazu kam – gerade im Vielvölkerstaat Österreich – auch der Nationalismus der einzelnen Völker mit ins Spiel.
Um die weitere geschichtlichen Entwicklungen und die Katastrophen der beiden Weltkriege zu verstehen, sollte man diese Ausstellung besuchen. Auch um zu sehen und zu erkennen, wie wichtig Empathie, Gerechtigkeit, Freiheit und soziale Fragen für den Frieden sind.

Die wunderbare Tür in der Verordnetenratsstube (Foto © Dagmar Postel)

Die Ausstellung ist bei freiem Eintritt von Dienstag bis Freitag von 11:00 bis 19:00 Uhr und am Samstag von 11:00 bis 15:00 Uhr geöffnet. Führungen finden von 14.9. bis 19.10.2018 jeden Freitag um 16:00 Uhr statt.

Blick in die Verordnetenratsstube (Foto © Dagmar Postel)
Lesenswert:
Zur Ausstellung „1848 Die vergessene Revolution“ erscheint ein gleichnamiger Begleitband vom Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, der die historischen Ereignisse beleuchtet und interpretiert. Der Katalog ist über den Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, 1050 Wien, Rechte Wienzeile 97, Tel: +43 1 545 78 70 und unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu bestellen.

Der Flügelaltar nach C.D. Friedrichs: Das Eismeer (Foto © Museum Niederösterreich)
Mehr über die Ausstellung erfahren Sie auch auf unseren Blog www.enricosreisenotizen.eu

Blick auf ein Bild der Ausstellung (Foto © Dagmar Postel)
4.9.-31.10.2018 1848 – Die vergessene Revolution
1010 Wien, Herrengasse 13
Weitere Informationen zur Ausstellung sowie einen interaktiven Barrikadenplan von Wien finden Sie unter http://1848.vga.at

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