Zwei Premieren und ein Willkommenskonzert an einem Wochenende – das macht den Dortmundern so schnell niemand nach. Die Inszenierung des Barbiers wahrscheinlich auch nicht…

Puh, ich bin ja bereits einiges an Modernität und Interpretationslust von deutschen Häusern gewohnt. Doch der Barbier von Sevilla aus Dortmund, ließ mich schon ein bissl unschlüssig zurück.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)

Punkt 1: Der Erzähler

Erzähler in der Oper scheinen im Moment im Trend zu liegen. Nach Klaus Maria Brandauer in der Salzburger Zauberflöte-Inszenierung (die mir übrigens ausgezeichnet gefallen hat), gibt es nun auch hier beim Barbier von Sevilla einen Erzähler. Kein Problem. Es kann sogar für „unwissendere“ Opernfreunde, die sich vorab nicht so gerne mit dem Werk auseinandersetzen (Faule Typen wie ich es bin) durchaus Charme besitzen, hin und wieder nochmal mit der Nase auf wichtige Umstände gestoßen zu werden. Auch finde ich es gut und durchaus wünschenswert, diesen verbindenden Texten Witz, Humor und Gegenwartsbezug zu verleihen (wenn es zum Thema passt). Das kennen wir Wiener ja bereits von den Couplets der von uns sehr geschätzten Herren Nestroy und Raimund.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Dennoch sollte man bei einer Oper meiner Meinung nach das Verhältnis zwischen Text und Musik im Auge haben. Der bei weitem größere Anteil sollte der Musik gehören – und hier liegt der Barbier in Dortmund hart an der Grenze.

Wobei gesagt werden muss, dass Kammersänger Hannes Brock den Erzähler wunderbar über die Bühnenrampe bringt.

Punkt 2: Die Marionetten

Wenn man sich die Überlegungen von Martin G. Berger zu seiner Inszenierung durchliest, kann man seinem Konzept der Marionetten schon zustimmen: Die Handelnden sind in ihre Regeln und Standesdünkel/-unterschieden verstrickt – sie hängen also mehr oder weniger an den Marionettenfäden. Durch die revolutionäre Idee von Graf Almaviva eine Bürgerliche heiraten zu wollen, mehr Freiheit zu geben und sich überhaupt mit dem nicht ganz „koscheren“ Figaro zusammen zutun, verlieren sie ihre Fäden, erhalten ihre Freiheit. Aber sie sind nicht fähig diese zu nutzen.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)

Um wirklich glücklich werden zu können, brauchen sie wieder ihre Marionettenschnüre: obwohl der Graf dann doch das nicht standesgemäße Mädel zu seiner Frau nimmt, braucht er seine ganze Autorität um sich durchzusetzen und das Chaos beenden zu können, wobei ich diese Argumentation nicht ganz lupenrein finde. Zumindest hat er ja doch ein paar Fäden verloren – sonst hätte er von der Hochzeit Abstand nehmen müssen.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)

Punkt 3: Die Sänger

Die Sänger vollführen in dieser Inszenierung wahrlich großartiges. Während Aytaj Shikhalizada als Rosina und Petr Sokolov als Figaro sich so richtig in ihr Marionettendasein hineinfühlen (ich musste immer ein bisschen an Pinocchio denken), spielt Sunnyboy Dladla als Graf Almaviva mit seinen Bewegungen eher den Roboter (der mich an Breakdancer meiner Jugend erinnerte). Aber gut – das könnte ja auch ausdrücken, dass er eben moderner als die Anderen denkt.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Auf jeden Fall hüpfen, schweben und fliegen alle auf der Bühne nur so durch die Gegend. Atemlos beobachtet man, ob sich vielleicht die Schnüre verheddern und ob die Landung gelingt. Die Handlung des Stücks und auch die Musik wird damit auf einmal genauso Nebensache wie die Gesangesleistung der SängerInnen – und das finde ich schade, da mir eigentlich alle Akteure ausnahmslos gut gefallen haben. Sowohl Aytaj Shikhalizada als auch Sunnyboy Dladla und Petr Sokolov haben auch ein großes Potential an schauspielerischen Qualitäten, das – an den Fäden hängend – ebenfalls unterzugehen droht. Wobei ich es ja auch bewundernswert finde, in zwei Meter Höhe hängend eine Arie schmettern zu müssen…

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Mit der Gouvernante als Schnecke und einem (allerdings sehr herzigem) Fantasie-Kriechtier, das zu Basilio, Rosinas Musiklehrer (übrigens in Rollschuhen?) zu gehören scheint, sind wir dann endgültig bei der Augsburger Puppenkiste angekommen.

Punkt 4: Zum Musikalischen

Zum Schluss nochmal zum Musikalischen: Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi haben mir diesmal noch besser als bei Aida gefallen, vom Dirigenten gebändigt waren diesmal auch leise Passagen zu hören, wunderschön akzentuiert und gefühlvoll. Gesanglich konnten mich nicht nur die drei HauptdarstellerInnen, sondern auch Morgan Moody (Dr. Bartolo), Denis Velev (Basilio) und Vera Fischer (Gouvernante) durchaus überzeugen.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Einen besonderen Applaus verdient bei dieser Inszenierung wohl auch die Bühnentechnik, die es schaffte, dass sich niemand an den Schnüren verhedderte.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Das Dortmunder Premieren-Publikum zeigte sich jedenfalls mit viel Applaus und Standing Ovations begeistert. Es blieb bei einem einzigen, allerdings wohl vernehmbaren „Buh“.

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)
Weitere Aufführungstermine:
10.,20.,26.,28.10., 9.,16.11., 1.,9.,21.,26.12.2018, 2.,24.2., 2.3.2019

Weitere Informationen und Tickets unter https://www.theaterdo.de/detail/event/19210/

Der Barbier von Sevilla in der Oper Dortmund (Foto © Oper Dortmund)

Il barbiere di Siviglia (Der Barbier von Sevilla) von Gioacchino Rossini
Opernhaus Dortmund
Theaterkasse im Foyer des Opernhauses
44137 Dortmund, Platz der Alten Synagoge
Tel: +49 231 50 27 222 (Montag bis Samstag 10:00 bis 18:30 Uhr)
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.theaterdo.de

Der Besuch erfolgte auf Einladung der Oper Dortmund

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