Jiří Stivín (Foto: Jiří Stivín)Es ist nahezu unmöglich Jiří Stivín in eine passende Kategorie einzuordnen – zu umfassend ist sein Repertoire, zu übergreifend sein Schaffen.

Aus diesem Grund haben wir dem Grenzgänger zwischen Alter und Neuer Musik und Jazz sowohl einen Platz bei der Klassik als auch bei Jazz eingeräumt. Damit schaffen wir es zwar noch immer nicht ihm ganz gerecht zu werden, aber zumindest ist eine Annäherung versucht.

Jiří Stivín wurde am 23. November in Prag geboren. Er absolvierte im Rahmen seiner Ausbildung zuerst die Prager Filmakademie und begann seine künstlerische Laufbahn als Kameramann. Obwohl ihm auch hier eine besondere Begabung attestiert wurde, begann er sich mehr und mehr für die Welt der Musik zu interessieren, begann in der tschechischen Beat-Gruppe „Sputnici“ Saxophon zu spielen.

Eine Anekdote berichtet von der ersten Bekanntschaft mit der Flöte: in der Pause eines Konzertes, das er als Kameramann besuchte, verkaufte ihm jemand in der Pause eine Flöte. Stivín dazu: „Es hätte auch irgendein anderes Instrument sein können.“ Stivín nimmt Flötenunterricht bei Professor Milan Muncinger.

Als Mitglied von Martin Kratochvils Formation „Jazz Q“ und der „SHQ Combo“ um Karel Velebný wendet er sich der Avantgardemusik zu. 1968, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings lebt Stivín vorübergehend in London und besucht dort John Dankworths Klasse an der Royal Academy of Music, um Komposition zu studieren und spielt auch im Scratch Orchestra von Cornelius Cardew.

Jiří Stivín: Flötenmusik der Renaissance Jiří Stivín wandert durch die musikalischen Jahrhunderte, er ist auch zwischen den etablierten Genres zuhause – in den Grenzgebieten zwischen Gestern und Heute, zwischen Jazz, Folklore, Alter und Neuer Musik, inspiriert von seiner Heimatstadt Prag, wo ein Spaziergang durch die Stadt ebenfalls immer verschiedene Stilepochen zu Tage bringt. Wie einst die Alchemisten im Prager Goldmachergässchen mischt er die unterschiedlichsten Substanzen zusammen. Der Multi-Instrumentalist überzeugt mit vielfältigen Begabungen: als Instrumentalist, Komponist, Improvisator. Jazz-Liebhaber sehen ihn als einen Protagonisten der tschechischen Szenen und als einen Flötisten mit internationalem Renommee. In Kreisen der Alten Musik schätzt man ihn als Blockflötenvirtuosen und herausragenden Interpreten. Stivín spielt die unterschiedlichsten Flötenarten, Saxophone und Klarinetten und ist im Jazz genauso zu Hause wie er die Musik des Mittelalters, der Renaissance oder des Barock schätzt.

Bekannt ist er aber nicht nur als Flötenspieler, sondern auch als Flötensammler und kreativer Flötenbauer, der sogar aus Plastik- oder Metallrohren Flöten konstruiert.

Anfang der siebziger Jahre kehrt er nach Prag zurück. Das Duo „System Tandem“ mit dem Gitarristen Rudolf Dašek entsteht, das auf internationalen Festivals in ganz Europa Furore macht. Nach unzähligen Konzerten trennen sich die beiden im verflixten siebenten Jahr, da sie befürchten zu sehr der Routine unterworfen zu sein. Erst 1985 finden sie unter den Namen „System Tandem Reunion“ wieder zusammen.

Jiří Stivín - Live at the Agharta Jazz Club Mit seinem wechselnd besetztem „Jiří Stivín & Co Jazz System“ widmet er sich dem Jazz und der zeitgenössischen Improvisationsmusik. Mit dem „Collegium Quodlibet“ vitalisiert er die Musik vorklassischer Jahrhunderte. Er spielt mit den Virtuosi di Praga, den Prager Madrigalisten, dem Prager Symphonieorchester, dem Talich Quartett, dem Suk Kammerorchester, mit internationalen Jazzgruppen und mit Big Bands. Stivín schreibt Film und Theatermusik sowie Werke, die sich nicht mehr kategorisieren lassen, er offenbart aber auch Momente von Melancholie in böhmischen, mährischen oder slowakischen Volksliedern, die kaum einer wie er so hinreißend jazzinspiriert zu interpretieren weiß.

Von ihm stammen viele LP- und CD-Produktionen mit Partnern wie Rudolf Dašek, Zbigniew Seifert, Barre Philips oder Pierre Favre. Außerdem spielt er mit Joe Sachse, Károly Binder, Theo Jörgensmann oder Tony Scott. Als Solist der Blockflötenkonzerte von Vivaldi und Telemann errang er internationale Anerkennung.

Bekannt ist Jiří Stivín für seine Auftritte: sowohl durch seine berühmte, sogenannte Schlägermütze, sein Markenzeichen, das ganz praktisch seine Glatze verbergen soll wie auch durch die Verbindung des Flötenspiels mit schauspielerischen Einlagen: mal clownesk, mal romantisch angehaucht. Jiří Stivín lehrt am Prager Konservatorium, gibt jährliche Jazzworkshops in Frýdlant und ist in viele andere Projekte involviert unter anderem in Konzerte für Kinder.
Drei seiner Kinder arbeiten bereits ebenfalls als Musiker, Sohn Jiří ist Schlagzeuger, der bereits öfter mit seinem Vater zusammengearbeitet hat, seine Tochter Zuzana Stivínová ist eine anerkannte Schauspielerin.

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Hörproben von Jiri Stivin spielt Vivaldi: Flute Concertos (Famous)