Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich präsentiert die Kunstsammlung des DÖW – des Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Erst 1963 wurde die Einrichtung von ehemaligen WiderstandskämpferInnen und engagierten WissenschaftlerInnen gegründet. Es beschäftigt sich mit den Themen Widerstand und Verfolgung in Diktaturen, insbesondere im Nationalsozialismus. Damit gehört auch der Holocaust, nationalsozialistische Medizinverbrechen, Justiz und Restitution, Aufarbeitung und der Rechtsextremismus nach 1945 zu den Forschungsaufgaben des DÖW.  Im Archiv befinden sich Akten, Nachlässe von Menschen, die sich im Widerstand engagiert haben und aus rassistischen oder politischen Gründen verfolgt wurden oder fliehen mussten. Das DÖW besitzt eine umfangreiche Bibliothek, Fotos, Tonaufzeichnungen von Gesprächen mit Zeitzeuginnen und auch rund 200 Kunstwerke von 80 KünstlerInnen.

Das Kuratorenteam: v.r.n.l. Bemedikter, Schwarz, Rapp, Foto © Museum Niederösterreich, Florian Müller
Das Kuratorenteam: v.r.n.l. Bemedikter, Schwarz, Rapp, Foto © Museum Niederösterreich, Florian Müller

Das DÖW hat in meinem Leben schon zu einigen AHA-Erlebnissen geführt. Heute noch bin ich begeistert, wie offen wir dort empfangen wurden als wir für eine Feier zum österreichischen Nationalfeiertag recherchierten. 

Blick in die Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)
Blick in die Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)

Überrascht war ich, einmal die Dauerausstellung besuchend, als ich erfuhr, dass vis à vis von meiner derzeitigen Wohnung eine Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen war. Meine Großmutter wohnte „ums Eck“. Es wurde zwar auch bei uns nicht viel über den Krieg gesprochen, aber diese Tatsache wurde nie erwähnt. Nicht einmal von ihrem Bruder, der immerhin erzählte, wie er als politisch anders denkender verhaftet und eingesperrt wurde. 

Unbekannter jüdischer Künstler (Foto © Christoph Fuchs)
Unbekannter jüdischer Künstler (Foto © Christoph Fuchs)

Die Dobritzhofer Brüder waren wohl alle beim Schutzbund, einige sicher bei den Sozialisten und/oder in der KPÖ. Dennoch war ich überrascht, ein Bild in der Ausstellung von Anton Dobritzhofer zu sehen und dann auch mehr über ihn zu erfahren. Er floh, mit seinem Bruder Franz, meinem „Lieblings-Großonkel“ über die Tschechoslowakei nach Russland und kämpfte im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und in der Roten Armee. Später war er dann Leiter des Kommissariats Floridsdorf.

Wider die Macht

Doch nun zurück zur Ausstellung, die in zwei große Räume gegliedert ist. 

Der erste Raum – Kunst im Widerstand

Blick in den Raum 1 der Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)
Blick in den Raum 1 der Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)

Der erste Raum beschäftigt sich mit Kunstwerken die vor 1945 entstanden sind. Es sind Zeugnisse von Verfolgung und Widerstand, sie zeigen und die Zustände in den Lagern, in den Gefängnissen und im spanischen Bürgerkrieg und sie erzählen vom sozialdemokratischen und kommunistischen Widerstand gegen das Dollfuß-Schuschnigg-Regime, von Flucht und Verfolgung nach dem Anschluss.

Josef Danilowatz, Kanonen statt Butter, um 1935, Foto © DÖW, Christoph Fuchs
Josef Danilowatz, Kanonen statt Butter, um 1935, Foto © DÖW, Christoph Fuchs

Mich beeindrucken hier vor allem die feinen Bleistiftzeichnungen, die von den Lagern erzählen, aber auch die schwarz-weiß-Bilder wie jene von Josef Danilowatz (vor allem „Kanonen statt Butter) oder das Bild von Joseph Otto Flatter „Wir danken unserem Führer!“

Else Argutinsky-Dolgorukow, Theresienstadt, Hannoverkaserne, 1943, Foto © DÖW, Christoph Fuchse
Else Argutinsky-Dolgorukow, Theresienstadt, Hannoverkaserne, 1943, Foto © DÖW, Christoph Fuchs

Man muss sich viel Zeit nehmen, um alle Feinheiten zu entdecken und zu erkennen. Auch die „Jeanne D’Arc“ von Theodor Allesch-Alescha verdient es hier angeführt zu werden oder die Bilder von Peretz Béda Mayer. Wobei es eigentlich unfair ist, einzelne Künstler herauszugreifen. 

Der zweite Raum – Kunst nach der Befreiung

Der zweite Raum widmet sich der Kunst nach 1945. Nun kann zwar freier gearbeitet werden, aber man muss mit dem Schrecken des Krieges allgemein, wie auch mit dem oft selbst erlebten Grauen zurechtkommen. Nun ist es Zeit die Grausamkeiten in aller Deutlichkeit zu zeigen, wie etwa Anselm J.Grand mit seinem Bild „Folterung am Baum im KZ-Dachau“ zeigt. Fritz Martinz zeigt in seinem Bild „Die Todesstraße“ eine Armee von Soldaten auf einer Seite die in den Krieg zieht, während ihnen auf der anderen Seite die Todeskandidaten entgegenkommen, die in die Lager marschieren. In einer zart ausgeführten Zeichnung weist Othmar Wundsam auf die „Häftlinge“ hin, Karl Stojka zeigt die „Winkel von Auschwitz“, Rudolf Hausner seinen „Adam hinter Gittern. 

Carry Hauser, Ohne Titel, DÖW, Foto C.Fuchs © Bildrecht Wien, 2022
Carry Hauser, Ohne Titel, DÖW, Foto C.Fuchs © Bildrecht Wien, 2022

Neben den Werken kann man in der Mitte des Saales die jeweilige Biographie des Künstlers lesen. Auch hier sollte man Zeit bringen, denn auch hier war für mich eine Überraschung gegeben. Nicht nur, dass das Bild von Alfons Walde „Wir klagen an!“ ganz entschieden von seinen mir bekannten Bildern der „Kitzbüheler“ Landschaften abweicht, hatte ich den Künstler doch sehr weit ins nationalsozialistische Eck gestellt, was anscheinend nicht ganz der Wahrheit entsprechen dürfte.
Auch im zweiten Raum sind also immer wieder interessante Facts zu finden.

Brigitte Steinitz, Mann im K.Z., 1961, Foto © DÖW, Christoph Fuchs
Brigitte Steinitz, Mann im K.Z., 1961, Foto © DÖW, Christoph Fuchs

Insgesamt werden auf 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche rund 150 Werke von über 50 KünstlerInnen aus der Kunstsammlung des DÖW präsentiert und in einen zeitgeschichtlichen Rahmen gesetzt. Unter den Kunstwerken finden sich unbekannte Künstler ebenso wie Bilder bekannter KünstlerInnen wie Adolf Frohner, Georg Eisler, Trude Waehner, Alfons Walde, Alfred Hrdlicka, Karl Stojka, Hans, Maršálek oder Heinrich Sussmann.

André Verlon, Sein oder Nichtsein, 1963, Foto © DÖW, Christoph Fuchs
André Verlon, Sein oder Nichtsein, 1963, Foto © DÖW, Christoph Fuchs

Es ist eine wichtige Ausstellung. Gerade in Zeiten, in denen wieder Krieg vor unserer Haustüre tobt. Wenn auch die Überschrift über den zweiten Raum „Ergründen, Erinnern, Mahnen, Verwandeln“ heißt, müssen wir gerade dieser Tage wieder feststellen, dass die Menschheit nicht viel aus ihrer Vergangenheit gelernt hat. Unglaublich, wie schnell Millionen für Waffen bereitgestellt werden können, wo für Klima, Gesundheit und Bildung bei jedem Cent gezaudert wird. Unglaublich, wie schnell wieder eine Armee in einem Nachbarstaat einmarschieren kann, unglaublich, dass es nicht gelingt, Meinungsverschiedenheiten zivilisiert in Verhandlungen zu lösen, wobei ich die Vorgänge der Gegenwart weder vergleichen noch irgendwie gegeneinander rechnen möchte!

Blick in Raum 2 der Ausstellung (Foto © Christoph Fuchs)
Blick in Raum 2 der Ausstellung (Foto © Christoph Fuchs)

Vielleicht sollte man beide Kriegspartner ins Museum Niederösterreich zu dieser Ausstellung einladen (ich weiß: ein naiver Wunsch), denn das Ergebnis der Auseinandersetzung wird auch diesmal wieder Tod, Grauen, Verbrechen und unendliches Leid sein. Auf beiden Seiten.

Blick in die Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)
Blick in die Ausstellung (Foto © Museum NÖ, Christoph Fuchs)

Hoffen wir auf eine Abrüstung der Waffen und Worte und dass es nicht so weit kommt, wie Künstler in dieser Ausstellung zeigen. 
Sehenswert und zum Nachdenken.

Am 19.4.2022 erscheint der Katalog zur Ausstellung im Residenz Verlag, der am 21.4.2022 um 18:30 Uhr im Zuge der Veranstaltungsreihe „Erzählte Geschichte“ im Haus der Geschichte präsentiert wird.

Das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich ist Dienstag bis Sonntag und Feiertage von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Montag (exklusive Feiertage) ist geschlossen.

26.2.2022 – 15.1.2023 Wider die Macht
Die Sonderausstellung im Haus der Geschichte zeigt die Kunstsammlung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes
Museum Niederösterreich
3100 St. Pölten, Kulturbezirk 5
Tel: +43 2742 90 80 90
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
www.museumnoe.at

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