• 8.9.2022
  • Niederösterreich 2122 - Ein Blick in die Zukunft
  • Museum Niederösterreich
  • 3100 St. Pölten
  • Kulturbezirk 5
  • T: +43 2742 90 80 90
  • https://www.museumnoe.at

Leider dauerte der Blick nicht einmal ganze zwei Stunden – ich hätte noch einige Zeit gerne weiter im Museum Niederösterreich verbracht und der Diskussion gelauscht.

St. Pölten und damit das Museum Niederösterreich ist zwar eine runde Stunde Autofahrt von mir entfernt, aber die Veranstaltungen der Reihe „Erzählte Geschichte“ lohnen diesen Weg immer wieder.

Am 8. September 2022 wagten die Migrationsforscherin Gudrun Biffl und der Politologe Peter Filzmaier einen Blick in die Zukunft und auf Niederösterreich in 100 Jahren.

Mag. Dr. Christian Rapp, der wissenschaftliche Leiter Haus der Geschichte begrüßte das Publikum
Mag. Dr. Christian Rapp, der wissenschaftliche Leiter Haus der Geschichte begrüßte das Publikum

Es war einfach ein Genuss beiden – unter der Leitung von Moderatorin Claudia Schubert – zuzuhören. Hier wurden Fakten präsentiert und wenn auch nicht alle Kenntnisse der Untersuchungen von Filzmaier und Biffl gefielen, für mich klangen sie alle ziemlich überzeugend.

Viele neue Erkenntnisse, die aber auf der Hand liegen
Viele neue Erkenntnisse, die aber auf der Hand liegen

Beide nahmen sich über die „Baustellen“ in Niederösterreich kein Blatt vor dem Mund, aber ich bin sicher, dass die angeführten „Versäumnisse“ nicht nur für dieses Bundesland, sondern für alle anderen ebenfalls zutreffen. Eine kleine Auswahl gefällig?

Schule / Bildung

Gudrun Biffl ist hier Expertin und fordert seit langem, wie viele andere, eine Reform unserer Ausbildung. Beispiele aus Finnland oder Australien wurden aufgezeigt und die Richtung besprochen, wo die Reise hingehen sollte, könnte.

Arbeitsplätze

Das ehemalige Agrarland Niederösterreich braucht Transformation. Gleichzeitig müssen aber auch Möglichkeiten geschaffen werden, um Bäuerinnen ihre Arbeit am Bauernhof und die Familie zu ermöglichen, wenn man Menschen auch in ländlichen Gebieten und in der Landwirtschaft halten will.

Arbeitsplätze der Zukunft müssen geschaffen werden – als Stichwort: KI. Das setzt aber wieder die richtige Ausbildung – siehe Schule/Bildung voraus

Alterung / Pflege / Pension

Niederösterreich ist eines der Bundesländer mit der „ältesten“ Bevölkerung. Der Pflegebedarf wird daher in den kommenden Jahren noch stark zunehmen. Wer soll die „Alten“ pflegen? Wer wird in die Pensionskassa noch einzahlen, wenn die Jungen immer weniger werden? 

Migration

Große Familien mit vielen Kindern werden immer seltener, selbst Zwei-Kind-Familien werden immer rarer (Kindergärten? Arbeitsangebote für Mütter und Väter?). Daher werden sich viele Probleme nur durch Zuwanderung lösen lassen. Jene aus den europäischen Nachbarländern (Pflegekräfte) wird aber zunehmend zum Erliegen kommen. Wir brauchen also – nicht nur in Niederösterreich – Zuwanderung, wobei Filzmaier betonte damit keiner illegalen Zuwanderung das Wort zu reden, - wie wohl niemand in diesem Land.

Peter Filzmaier präsentierte Daten aus einer seiner Studien
Peter Filzmaier präsentierte Daten aus einer seiner Studien

Eigentlich stimmte es optimistisch, dass es an Analysen, Konzepten und Plänen für die Umsetzung zur Lösung der meisten Probleme nicht mangelt. Vieles liegt klar auf der Hand und am Tisch – allerdings wird von der Politik nichts getan. Interessenverbände, Lobbyisten und auch Parteien halten den Status Quo-Zustand aus Eigeninteresse aufrecht und verbauen uns damit eigentlich eine bessere Zukunft. Mit der Wissenschaftsfeindlichkeit, die noch dazu um sich zu greifen droht, wird es noch schwieriger werden, Zukunftsthemen anzugehen und durchzuboxen.

Vor allem beim letzten Punkt (Migration) konnte man die Ablehnung der Thesen von Gudrun Biffl an einigen Gesichtern im Saal ablesen. Wie wenig manche die Problematik verstanden zeigte sich an der letzten Wortmeldung aus dem Publikum: Ein Herr zitierte stolz zwei Sätze aus einer deutschen Zeitung, dass in letzter Zeit an deutschen Universitäten mehr Lehrstühle für Genderforschung geschaffen wurden als für Maschinenbau. Dafür Applaus und Zustimmung heischend sah er Filzmaier, Biffl und das Publikum an.

Große Expertise: Gudrun Biffl
Große Expertise in vielen Themen: Gudrun Biffl

Über die Antworten der beiden Vortragenden freue ich mich noch heute: So meinte Filzmaier, dass er das Ausspielen verschiedener Richtungen hasst. Es braucht insgesamt mehr Lehre – auch in der Schule. Immer wenn er forderte „Politische Bildung“ auf den Lehrplan zu setzen, kam der Einwand: „Ja, sollen wir Mathematikstunden ausfallen lassen?“ oder „Weniger Turnstunden?“. Es ist allerdings, und der Meinung bin ich auch, der falsche Zugang: Man sollte einfach den Fokus darauf richten, wie mache ich beides möglich und was muss ich dafür tun, das dies klappt.

Gudrun Biffl wies anschließend noch darauf hin, wie wichtig Genderforschung z.B. in der Medizin ist. Das beste Beispiel – und es gibt noch einige andere –, dass Frauen und Männer unterschiedliche Vorzeichen und auch Schmerzen bei einem Herzinfarkt haben, aber auch auf Medikamente unterschiedlich reagieren können. Auch das ist Genderforschung, nicht nur das Binnen-I, das den „Fragesteller“ wahrscheinlich in Rage gebracht hat.

Auch der Einwand, ob man vielleicht nicht mehr Maschinenbau-Lehrstühle brauchen würde, sondern sich mehr für Artificial Intelligence interessieren sollte, scheint mir durchaus berechtigt.

Für mich jedenfalls ein Abend, der sehr inspirierend war, der mich aber trotzdem ein bisschen nachdenklich zurückließ: Warum kann man über all diese Vorschläge nicht vorurteilsfrei diskutieren und sie dann Zug um Zug umsetzten – einen Teil zumindest. Wir wären dann besser auf unsere Zukunft vorbereitet.

Zum Abschluss mein Tipp: Es gibt fast jede Woche Vorträge im Haus der Geschichte und/oder im Haus der Natur. Schaut auf der Website vorbei und sollten euch Themen interessieren, schaut vorbei. Es lohnt sich wirklich!

https://www.museumnoe.at/de

Wider die Macht

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