Es gab eine Zeit, in der auch europäische Künstler und Wissenschaftler Flüchtlinge waren – und sie ist gar nicht so lange her.

Bis dato hatte ich immer Einzelschicksale im Blick, die während der Nazizeit vor den Nazis flüchten mussten, welche große Migrationsbewegung es aber tatsächlich war, machte mir nun Herbert Lackner in seinem neuesten Buch klar.

Auch welche Folgen es für die flüchtenden Menschen hatte, als es plötzlich Grenzen dicht hieß. Wie bei der großen Flüchtlingsbewegung in 2015 herrschte anscheinend auch damals in weiten Teilen der Bevölkerung zuerst die Hilfsbereitschaft vor, doch auch damals kippte sehr rasch die Stimmung und man wendete sich gegen die Flüchtlinge, auch wenn man wusste, dass man sie damit dem sicheren Tod auslieferte.

Herbert Lackner versteht es meisterlich die Flüchtlingsrouten nachzuzeichnen und die Einzelschicksale mit dem Flüchtlingsstrom zu verbinden. Wir, die Generation der Babyboomer, kennen fast alle Namen der Flüchtenden: es sind weltberühmte Schriftsteller, gefeierte Dirigenten, Nobelpreisträger, Universitätsprofessoren, Juden, Christen, Politiker und Zeitungsredakteure. All jene, die sich nicht rechtzeitig abgesetzt haben, irren durch Europa – in der Hoffnung einen sicheren Platz zu finden und weiter leben zu können. Viele werden durch eine beispiellose Rettungsaktion, die Thomas Mann von New York aus organisiert, gerettet. Ein junger Amerikaner hilft unter anderen Alma Mahler-Werfel, Alfred Polgar, Heinrich, Golo und Erika Mann, Hermann Leopoldi, Robert Stolz, Friedrich Torber, Karl Farkas und Billy Wilder auf die letzten Schiffe Richtung Vereinigte Staaten von Amerika zu bringen.

Ein Buch, das all jene lesen sollten, die meinen Flucht passiert nur in Afrika, ein Buch, das zeigt, dass heute die gleichen Mechanismen zu greifen beginnen und Flucht jeden treffen kann. Ein Buch, das zeigt, dass vor nicht allzu langer Zeit viele Europäer auf der Flucht waren und froh über die Hilfe anderer Menschen waren, um am Leben zu bleiben.

Vielleicht sollten wir daran denken, wenn wir allzu schnell Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen und ihnen die Hilfe verweigern. Lernen wir Geschichte …

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker
Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen
ISBN 978-3-8000-7680-2
ueberreuter
www.ueberreuter-sachbuch.at

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