Ungarn 1968. Die Kommunisten unter Kádár sind an der Macht und die Familie eines ehemaligen Offiziers lebt in bitterer Armut.

Der Neunte ist die Erzählung des Lebens eines neunjährigen Jungen und seiner Familie. In einem kleinen Ort in der Nähe von Budapest wächst er auf, als neuntes Kind seiner Eltern. Insgesamt sind es elf Kinder, die ihre Eltern durchbringen müssen.

Seine Mutter, die von einer Karriere als Konzertpianistin träumte und deren Harmonium zu guter Letzt aus Geldmangel verkauft werden muss, arbeitet in einer Fabrik, ihr Mann behält das Kindergeld für seine Geschäfte ein und doch ist sie es, die die Familie zusammenhält. Ihr Glaube sorgt nicht nur dafür, dass alle die Sonntagsmesse besuchen und dass täglich für den Pfarrer und andere Mitmenschen gebetet werden muss, sondern auch dass sie mit ihrem Orgelspiel in der Kirche zusätzliches Geld verdienen kann und die Kinder als Hilfe bei Begräbnissen den einen oder anderen Forint verdienen.

Sein Vater ist ein ehemaliger Offizier, der sich mit den "roten Proleten" nicht anfreunden kann. Er wurde aus der Volksarmee entlassen wurde und muss nun bei der Bahn „dienen“. Der Herr im Haus weiß alles besser, hadert mit sich und der Welt und es ist nicht selten, dass die Kinder mit dem Rohrstock bestraft werden. Manchmal übernimmt die Mutter die Strafe für Ihren Lieblingssohn. Der Vater jedoch fertigt neben seinem Beruf noch Rosenkränze an und verkauft diese an Katholiken und Pfarren in der Umgebung um damit das Haushaltsgeld aufzubessern. Die Kinder werden mit harten Hand angehalten, beim Rosenkranzbinden mitzuarbeiten. Schließlich schmeißt der Vater seinen Job hin und steigt auf eine Heiligenbilder-Produktion um.
Dazwischen wird auch noch unter seiner Führung ein großes Haus gebaut.

Und dann ist da noch die ganze Kinderschar, um die sich eigentlich niemand kümmern kann. Die älteren passen auf die jüngeren auf, einige mussten die Schule verlassen – vom Vater angehalten – und arbeiten gehen, um zum Haushaltsgeld beitragen zu können. Außerdem sind alle – bis auf wenige Ausnahmen - vom Vater bei der Rosenkranz- und später bei der Heiligen-Bildproduktion eingeteilt.

Barnás schildert das Leben aus dem Blickwinkel des neunten Kindes, die Zeit, in der sie in einer kleinen Wohnung – auf engstem Raum in zwei Zimmern und drei Betten alle zusammen leben müssen, bis das große Haus, das Vater bauen möchte, fertig ist. Das Problem mit den Flöhen, die Schwierigkeiten der Mutter weder die Kinder ausreichend ernähren zu können, noch im Winter heizen zu können.
Und dennoch, für den „Neunten“ scheint das alles kein allzu großes Problem zu sein, obwohl er sich hin und wieder wegen ihrer Situation vor den anderen Kindern geniert, in Geschäfte geht, einfach um den Duft eines Zuckertörtchens oder einer Paprikawurst  einatmen zu können...

Das Buch ist aus seiner Perspektive geschrieben, er erzählt was er erlebt, was er denkt. Obwohl es ein ruhiges Buch ist, in dem die Handlung dahingleitet, bis auf wenige Ausnahmen nichts Spannendes passiert, ist man von der Geschichte fasziniert und kann es kaum aus der Hand legen. Ein großes Kompliment ist auch der Übersetzerin Eva Zador zu machen. Das Buch ist spannend und aufregend in den kleinen Dingen, die eben für Kinder viel Bedeutender sind, als für Erwachsene. In einer Ausdrucksweise, die auf der einen Seite dem kindlichen Erzähler gerecht wird, auf der anderen Seite aber seltsam erwachsen klingt. vielleicht ist es gerade dieses Spannungsverhältnis, das das Buch so lesenswert macht.

Ein großes Stück Literatur und ein Autor, den man sich merken sollte.

Ferenc Barnás: Der Neunte
Nischen Verlag
ISBN 978-3-9503906-0-5
www.nischenverlag.at