Sándor Márai - Bekenntnisse eines BürgersSándor Márai wird immer mehr zu einem meiner Lieblingsautoren: ein wunderbarer Erzähler mit einer wunderbaren Sprache.

Sándor Márai war ein Europäer, geboren in Kaschau, das damals noch zu Ungarn gehörte (heute Košice in der Slowakei und Kulturhauptstadt des Jahres 2013), begann er schon früh zu reisen. Er studierte in Berlin, reiste nach Paris, besuchte Italien. Márai beschreibt aber nicht nur seinen Lebensweg, dieser erscheint fast nebensächlich und ist doch der rote Faden durch das ganze Buch. An diesem roten Faden lernt man das heimatliche Kaschau und die Bewohner dieser Stadt kennen. Man erfährt wie es war, damals aufzuwachsen, worauf die Gesellschaft Wert legte und was sie ihren Kindern mit ihrer Erziehung mitgab. Márai ertrug bald dieses Umfeld nicht und riss von zu Hause aus um zuerst in Budapest zur Schule zu gehen und dann Europa zu bereisen. Das Buch schildert nicht nur seine Kindheit, seine Entwicklung vom Studenten zum Journalisten und später dann zum Schriftsteller, sondern beschreibt auch wunderbar all die Städte, die er alleine oder in Begleitung besuchte und die Menschen, die dort leben, wohnen und arbeiten. Es ist interessant, wie er die Unterschiede zwischen Deutschen, Franzosen und Ungarn herausarbeitet und man findet auch heute noch so manche Übereinstimmung. Bemerkenswert auch die Beschreibung damaliger Verhältnisse, die gewisse Ähnlichkeiten zu aktuellen Problemen aufkommen lassen. Daher möchte ich ein kleines Stück aus dem Buch zitieren:

„..aber um Geld kümmerte sich damals niemand in Deutschland. Alle meine deutschen Freunde spekulierten an der Börse, und natürlich verdienten sie sehr viel. So mancher, der bisher kaum seine Untermiete hatte bezahlen können, kaufte sich ein Haus, andere kauften ganze Straßenreihen am Kurfürstendamm oder in Westend. Einer besonderen Wissenschaft bedurfte es dazu nicht: Der hungrige und durstige Fremde stellte sich einfach unter den Papiergeld-Niagara und find von der Flut so viel auf, wie ins eine beiden geöffneten Hände passte. Irgendwo weit weg, unsichtbar, in Fabriken, arbeiteten Menschen, aber der Berliner Schieber wusste nichts von diesen Fabriken, meistens hatte er keine Ahnung was dort fabriziert wurde, er trat einfach in einer Bankfiliale vor das Kassengitter und beauftragte seinen Agenten, die und die >>Papiere<< zu kaufen – ja, für den Kauf gab er nicht einmal Geld, irgendwie lief auch das über Kredit…. Und >>Kredit<< hatte jeder, zu Geld kam jeder, der nicht arbeitete. Die anderen jedoch, die arbeiteten, taumelten mit stierem Blick und wie blöd durch dieses Unwetter, bestaunten eine Kartoffel oder eine abgewetzte Schuhsohle wie Altargerät.“..

Vielleicht sollte man das Buch Bankern schenken - vielleicht sollten es auch alle Bankkunden zum nächsten Weltspartag lesen. Wenn man nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen möchte, sollte man vielleicht auch ein Buch zur Hand nehmen. Manchmal hilft dies auf unterhaltsame Weise Vergangenheit und Gegenwart in Einklang zu bringen und zu verstehen…

Sándor Márai - Bekenntnisse eines Bürgers: Erinnerungen
Piper
ISBN 978-3-492-25311-6