Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Berta Zuckerkandl - Österreich intimErinnerungen 1892 bis 1942 Eigentlich ist es eine Sammlung aus Telefonaten, Briefen, Erinnerungen und obwohl es einzelne, nicht zusammenhängende Beiträge sind, entsteht eine Epoche vor dem Auge des Lesers.

Wer also mehr über die Creme de la Creme der Kunst wissen möchte, die um die Jahrhundertwende in Wien lebte, darf sich dieses Buch einfach nicht entgehen lassen….

Berta Zuckerkandl war die Tochter von Moriz Szeps, dem Gründer des „Neuen Wiener Tagblatt“ und arbeitete lange Zeit auch als Journalistin. Verheiratet mit dem berühmten Arzt Emil Zuckerkandl führt sie einen der letzten „Wiener Salons“, in dem sich Kunst- und Kulturschaffende treffen. Ihre Freunde und Gesprächspartner sind legendär: Hermann Bahr, Alexander Girardi, Gustav Mahler, Klimt, Freud, Friedell und viele mehr. Zuckerkandl ist mit Max Reinhardt befreundet und schildert die Gründung der Salzburger Festspiele und die Entstehung des Jedermanns von Hofmannsthal. Der Leser lernt nicht nur die Persönlichkeiten dieser Zeit kennen, sondern bekommt auch einen Eindruck der Atmosphäre, die damals in Wien herrschte, die manches ermöglichte und auch einiges verhinderte. Man spürt die Endzeit der Monarchie mit, erlebt nochmal den kurzen Aufbruch vorher in der Kunst und merkt bereits mit den handelnden Personen die große Gefahr des Zweiten Weltkrieges nahen.
Zuckerkandl war wie viele ihrer Freunde eine überzeugte Österreicherin. So schreibt sie an ihre 1817 aus der Schweiz an ihre Schwester in Paris: „Los von Deutschland! Ist der Gedanke, dem ich zum Durchbruch verhelfen will…. Du machst Dir keine Vorstellung von der brutalen Arroganz, mit der diese imaginäre Größe trunkene Nation das österreichische Volk, seine Armee, seine Leistungen offen verhöhnt…“

1931 unterhält sie sich mit Franz Werfel, dessen Worte auch dem heutigen Leser zu denken geben sollten. Auf die Frage, warum er so unruhig sei, antwortet Werfel: „ Ich will zur europäischen Gegenwart sprechen; die Gefahr aufzeigen, die eine immer stärker auftretende kollektivistische Sehnsucht mit sich bringt. Dieses Auslöschen des Individuums, der eigenen Verantwortung, des Gewissens, diese Sehnsucht nach Fertigprodukten. Damit meine ich die immer mehr in Erscheinung tretende Materialisierung des gesamten Lebens. Jetzt sollen auch noch die geistigen Bezirke durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage beherrscht werden …“

Kommt uns das nicht auch heute sehr bekannt vor?? Sollten wir uns daher nicht ausführlicher mit dieser Zeit beschäftigen, um eine Fahrt in die falsche Richtung möglichst zeitig zu erkennen? Sie werden beim Lesen viele Gemeinsamkeiten mit heutigen Parolen und Entwicklungen erkennen. Gerade deshalb finde ich das, zudem äußerst kurzweilig geschriebene, Buch sehr lesenswert.

Auch scheint es in manchen Schilderungen als könnte man Wien und die Donaumonarchie als Vorbild für die Europäische Union sehen. Durch den Tod des Thronfolgers Rudolf kam allerdings ein neuer Aspirant ins Spiel, der den alternden, aufs „Bewahren und Verwalten“ ausgerichteten Kaiser nicht auf den Weg in eine neue Zeit unterstützte. Franz Ferdinand, dem in diesem Buch auch ein Kapitel gewidmet ist, kam nicht nur unvorbereitet zu den Ehren des Thronfolgers, sondern scheint auch von seiner Persönlichkeit gänzlich ungeeignet dafür gewesen zu sein. Das Attentat von Sarajewo verhinderte seine – vom Kaiser auch immer wieder hinausgezögerte - Amtsübernahme.

Zuckerkandl macht durch ihre Schilderungen die Zeit nach dem Zerfall der Monarchie, die Bankenkrise (ebenfalls ein heute sehr aktuelles Thema!), den Ständestaat und die Entwicklung zum Nationalsozialismus lebendig.

Ein lesenswertes Buch, das nicht nur die Größen der Jahrhundertwende ganz persönlich schildert, sondern gleichzeitig zum Nachdenken über heutige Entwicklungen anregt.

Österreich intim: Erinnerungen 1892 bis 1942
Erinnerungen 1892 bis 1942
Amalthea
ISBN 978-3-85002-836-3

Kommentare (0)

Bewertet als 0 von 5 basierend auf 0 Stimmen.
Bisher wurden hier noch keine Kommentare veröffentlicht

Einen Kommentar verfassen

  1. Kommentar als Gast veröffentlichen.
Rate this post:
Anhänge (0 / 3)
Deinen Standort teilen
Zum Seitenanfang