Er gilt als der profundeste Ungarn-Kenner in Österreich: Paul Lendvai. In seinem neuesten Werk beschreibt er die tausendjährige Geschichte seines Heimatlandes.

Paul Lendvai: Die Ungarn536 Seiten ungarische Geschichte (ohne Anmerkungen, Personenregister und Literaturhinweise) warten auf den interessierten Leser und versuchen ihm die ungarische Nation und das ungarische Wesen zu erklären.

Neben vielen geschichtlichen Details, die ich nicht kannte, die aber auch für einen Touristen im Land der Magyaren wichtig sind zu wissen, hat mich vor allem die Beschreibung des ungarischen Charakters interessiert und es hat mich doch verblüfft, dass sich Ungarn – anscheinend auch heute noch – von der ganzen Welt allein gelassen, missverstanden und zerstückelt fühlt. Ein bisschen kommt es mir vor, dass auch der Autor dieser Stimmung anhängt.

Als Wienerin (immerhin auch Bewohnerin einer einstigen Hauptstadt eines einstigen großen Kaiserreiches) ist es ein bisschen schwer zu verstehen, dass das Urteil von Trianon und damit die „Zerstückelung“ des Großreiches Ungarns auch heute noch immer in den Köpfen herumspukt. Wobei gesagt werden muss, dass auch die Ungarn mit den verschiedenen Nationalitäten auf ihrem damaligen Herrschaftsgebiet nicht immer freundlich umgegangen sind.

Trotzdem hat Lendvai recht, dieses Alleingelassensein, dieses „Wir sind aber anders“, dieses „Aber eigentlich müsst ihr uns helfen“ bestimmt(e) bei manchen Ungarn – zumindest noch in den Jahren vor und nach der Wende – die Erwartungshaltung. Meine damaligen ungarischen Geschäftspartner wussten ziemlich genau was sie wollten, und auch wer ihre Wünsche bezahlen sollte. Forderungen an ihre Mitwirkung bei ihren Plänen war manchmal allerdings weniger gefragt.

In meiner kindlichen Vorstellung waren die Ungarn immer ein Volk stolzer und unabhängiger Husaren, die frei über die Pußta ritten. Doch in einigen Gesprächen und Verhandlungen musste ich erkennen, dass sie zwar stolz waren und ihre Freiheit liebten, aber auch sehr ihren Pessimismus und Gram nachhingen und dieser Eindruck scheint nicht ganz so falsch gewesen zu sein.
Wobei auch in Ungarn viele der jungen Generation heute bereits auch schon anders denken, so scheint es mir jedenfalls.

Vielleicht erklärt dieses „Anderssein wollen“ und dieses unbedingte Nationalgefühl auch den Aufstieg Orbáns. Lendvai beschreibt jedenfalls seinen Lebensweg und seine Machtübernahme und – wenn ich ehrlich bin – es hat mich beim Lesen ein wenig gegruselt, es schien mir ich konnte erste Parallelen in der Strategie österreichischer Parteien entdecken.

Auf jeden Fall ein Buch für alle, die mehr über die Geschichte, aber auch über die Gegenwart in Ungarn erfahren möchten. Ein Buch, das sich mit Land und Leuten auseinander setzt und das auch mit vielen Details über die politische Geschichte und das Zusammenspiel von Ungarn und seinen Nachbarn über die lange Zeit seit der Landnahme aufwartet.
Lesenswert.

Paul Lendvai: Die Ungarn.
Eine tausendjährige Geschichte.
ISBN 978-3-7110-0266-2
Ecowin
www.ecowin.at