Dieser Kompass durch die Welt der sanften Medizin ist für mich nicht ganz einfach zu rezensieren …

Dr.med. Natialie Grams: Was wirklich hilftAm besten ich oute mich gleich am Anfang des Artikels: Ja, auch ich zähle zu der Gemeinschaft jener, die Globuli einnehmen und dann den Spruch: „Wenn es nicht hilft, dann schadet es nicht“ loslassen. Und ja, sollte es auch nur der Placebo-Effekt und Selbstbetrug sein, wenn ich mich besser fühle, ist mir geholfen.

Aber, und da gebe ich Frau Doktor natürlich recht, diese Art der Behandlung wie auch alle möglichen Hausmittel sind nur für leichtere Krankheitsfälle zu verwenden. Ich wäre und käme auch nie auf die Idee, mit Homöopathie Krebs oder Knochenbrüche zu behandeln und Ärzte in Österreich, die auch Homöopathen sind, wohl auch nicht. Dennoch zeichnet sich – zumindest hier zu Lande – auch in der Schulmedizin ein kleiner Schwenk zu weniger Antibiotika, zu begleitender Alternativmedizin und zu konservativer Behandlung ab. So zumindest meine Beobachtungen.

Nun zum Buch. Einleitend muss festgehalten werden, dass die Autorin sich in erster Linie auf Deutschland bezieht, das andere (leichtere) Zulassungsbedingungen für Homöopathen und Heiler (ich weiß gar nicht, ob es diesen Begriff/Beruf in Österreich gibt) als hier zu Lande gibt. So dürfen in Österreich nur ausgebildete Ärzte Patienten mit Homöopathie behandeln.

Natalie Grams, früher – wie sie selbst angibt – selbst Homöopathin ist nun überzeugte Gegnerin von Globoli, Schüssler Salzen, TCM und Co und überzeugte Anhängerin der Schulmedizin. Dies hat zur Folge, dass sie versucht ihre Leser in der ersten Hälfte des Buches zu überzeugen, das Globuli und Co. mehr oder weniger Scharlatanerie ist – eher mehr, höchst gefährlich, da damit ernste Krankheiten nicht ausreichend behandelt werden und einzig und allein der Placebo-Effekt wirken kann.

Allein die Schulmedizin mit ihren vielen Studien hat das Recht zu behandeln und auch von den Krankenkassen bezahlt zu werden. Alles andere gehe in die falsche Richtung. Die naturwissenschaftliche Beweisführung sei ausschlaggebend. Zugleich erkennt sie aber als Schwäche der Schulmedizin, dass das Vertrauen der Patienten zu dieser schwindet und das Gespräch mit dem Patienten häufig vernachlässigt wird  - um es kurz und knapp zu sagen.

Und damit sind wir schon in dem Dilemma, in dem meiner Meinung nach im Buch zu wenig eingegangen wird, um Gelegenheits-Globuli-Freunde wie mich ganz zu überzeugen.

  1. Wer Globuli gegen schwere Krankheiten – sei es Krebs, ein Magendurchbruch, Knochenbruch oder ähnliches nimmt und denkt, dass dies ausreicht, glaubt auch an Wunderheilung. Keine Frage, bei gewissen Krankheitsbildern muss auf die Schulmedizin zurückgegriffen werden. Punkt. Das gilt auch für Impfungen.

  2. Die Medikation. Allerdings steht auch fest, dass man nicht immer sofort zu Antibiotika oder anderen schweren „Hämmern“ greifen muss. Wie heißt es so schön: „Der Schnupfen dauert 7 Tage – egal ob mit oder ohne Medikament.“ Dazu wäre aber manchmal eine längere Aufklärung der Patienten notwendig, die den Arzt in Zeitnot bringt. Antibiotika zu verschreiben ist die schnellste Lösung – aber auch eine Gefahr.

  3. Die Studien und die Naturwissenschaft. Einer meiner wunden Punkte, denn wer weiß denn heute schon, wer die Studie beauftragt hat? Wie hieß ein Witz früher so schön? „Rauchen ist nicht gesundheitsschädlich!“, gezeichnet Dr. Malboro. Im Leben gilt nun einmal der Grundsatz, dass man die Hand, die einem füttert, nicht beißt. Leider wird aber die Wissenschaft immer öfter von privaten Geldgebern abhängig (meiner Überzeugung ein schwerer Fehler), sie ist nicht mehr richtig frei, wie früher einmal gefordert. Vielleicht war sie das auch nie, aber in letzter Zeit gewinnt man den Eindruck stärkerer Abhängigkeit und wie soll ich als Laie beurteilen, ob die Studienbedingungen nun dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen oder nicht. Egal ob doppelte Medikamentenstudie oder homöopathischer Wirkbeweis.

  4. Die Zeit und das Geld. Wenn es so ist, dass eigentlich das Gespräch mit dem Patienten oder die Anteilnahme bei der Behandlung den Plazeboeffekt auslöst und nicht die Alternativbehandlung und damit die Heilung vorantreibt, dann wäre die einfachste und günstigste Lösung für das ganze Gesundheitssystem und auch für Ärzte und Patienten, dem Arzt die Möglichkeit zu geben, dieses Gespräch zu führen. Ob er danach dem Patienten zur Selbstbehandlung noch ein paar „Zuckerl“ auf den Weg gibt oder nicht, wäre dann nicht mehr ausschlaggebend – so kein Diabetes vorliegt.
    Allerdings müssten dann die Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium wieder aufgehoben werden, die Ärztekammer müsste über den Gebietsschutz nachdenken und mehr Ärzte zulassen und die eingesparten Medikamentenkosten auf das Ärztehonorar umgeleitet werden.

  5. Fehler passieren. „Wer ohne Schuld, werfe den ersten Stein“. Auch Ärzte können Fehler machen. Genauso können bei der Medikamentenentwicklung Fehler passieren. Leider sind Fehler im Gesundheitsbereich fast immer schwerwiegend, ob sie nun im Krankenhaus, bei der Medikamentenzulassung oder bei der Verordnung gemacht werden. Fehler einzugestehen und daraus zu lernen, würde diese zwar nicht wieder gut machen, aber helfen mit ihnen zu leben und zu verstehen. Dennoch hat man als Laie den Eindruck, dass hier gemauert wird und möglichst alles unter den Teppich gekehrt werden soll.

  6. Zwei Klassen-Medizin. Gesundheitswesen und Medizin eignen sich nicht für private Investoren. Wer Gewinne machen muss, kann nicht auf das Wohl der Patienten schauen, sondern muss die Bilanz und die Kennzahlen im Auge haben, schließlich wollen die Share Holder ihre Rendite sehen. Mehr Privat in diesem Sektor wird immer bedeuten: Wer es sich leisten kann, bekommt schnell die beste Behandlung – alle anderen müssen eben warten, auch wenn die Wartezeit für manche zu lange sein kann.

Diese Punkte sind noch lange nicht alle, an denen unser – und auch das deutsche – Gesundheitssystem krankt, wobei mir Österreich hier besser als Deutschland aufgestellt scheint - ohne alle Details zu kennen. Kurz und knapp – um Natalie Grams zu folgen – gibt es eine Vertrauenskrise zwischen den Menschen und der Schulmedizin und der Pharmaindustrie. Welcher Laie kann all die Studien nachvollziehen? Wer erklärt den Patienten, warum sich Vorschriften z.B. in der Ernährung ändern? (War es vor Jahren noch verpönt mehr als ein Ei/Woche zu essen – das Cholesterin! – ist es jetzt nicht mehr so arg. War früher Butter ein Feind der richtigen Ernährung und nur Margarine das wahre, ist es heute umgekehrt) Da soll man sich noch auskennen. Wird Werbung für die Impfung aus Gewinninteressen gemacht oder weil man die Bevölkerung über die Gefahr informieren möchte? Und wenn es Information sein sollte, warum argumentiert man dann reißerisch und angstmachend? Wieso wirbt die Pharmafirma und nicht das – hoffentlich – unabhängige Gesundheitsministerium?

Ich bin daher für den Mittelweg: Integrieren wir doch den Placebo-Effekt und die Entspannung in die Schulmedizin, finanzieren wir die Wissenschaft so, dass sie wieder unabhängig publizieren kann und sorgen wir dafür, dass es genügend Ärzte gibt, die sich die Zeit für ihre Patienten nehmen und sich auch weiterbilden können, ohne am Hungertuch zu nagen. Dann wäre wahrscheinlich auch die „Esoterik-Gefahr“ gebannt, die Dr. med. Grams in ihrem Buch zwar richtig ortet, aber – meiner Meinung nach – dabei den Blick auf die Missstände der eigenen „Branche“ ein wenig vergisst. Aber vielleicht folgt dieser Blick ja auch im nächsten Buch.

Und bitte beim Lesen immer die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland bei der Zulassung der Homöopathen berücksichtigen. Leider wird im Buch darauf nirgendwo eingegangen.

Dr. med. Natalie Grams: Was wirklich wirkt
Kompass durch die Welt der sanften Medizin
ISBN 978-3-351-03471-9
Aufbau Verlag
www.aufbau-verlag.de