Ich habe bereits den Vorgänger dieses Buches „Die Flucht der Dichter und Denker“ mit Begeisterung gelesen. Der hier vorliegende Band ist allerdings vielleicht noch wichtiger, um zu verstehen, was damals geschah – und was jetzt gerade geschieht…

Herbert Lackner: Als die Nacht sich senkteEs wird wohl kaum jemanden geben, der Herbert Lackner seine Fähigkeit zum Schreiben abspricht. Immerhin war er 23 Jahre lang Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „profil“ und einer jener Journalisten, die mich immer wieder veranlasst haben dieses Magazin früher zu kaufen.

Lackner widmete sich bereits mit dem Buch „Die Flucht der Dichter und Denker“ den schwarzen Flecken unserer Vergangenheit, die damals wie heute gerne noch immer unter den Teppich gekehrt werden. Doch während er hier die Auswirkungen nach der Machtergreifung des Naziregimes aufzeigt, beschäftigt er sich in seinem neuen Buch mit der Zeit davor.

Immer wieder stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Warum konnte man der Entwicklung nicht Einhalt gebieten? Lackner beschreibt nun die Lage der Bevölkerung in Österreich zwischen den beiden Weltkriegen: das Reich, das verloren ging, die entsetzliche Armut, die vielen Toten und Verwundeten, die Soldaten, die traumatisiert wieder nach Hause kamen, aber auch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die vielen das wenige, das sie noch hatten, nahm. Hunger und Elend waren in diesen Jahren weit verbreitet.

Die Idee der Republik und die Mitbestimmung aller (auch der Frauen) in der Politik in weiten Kreisen verpönt. Die Furcht vor den Kommunisten. Der Kampf unter den Parteien und schließlich die Ausschaltung des Parlaments und die Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten. Und es waren nicht nur die Nazis die einen Schuldigen für die Not suchten und fanden: die Juden. Auch viele Österreicher waren derselben Meinung.

Für mich beantwortet das Buch auch einmal mehr die Frage, ob es Parallelen von damals zum Heute gibt. Natürlich übernimmt unser Staat heute mehr Verantwortung auch für die Ärmsten. Natürlich wird in einem reichen Land wie Österreich gespendet, sodass Hilfsorganisationen einspringen können, wo das soziale Netz das eine oder andere Loch aufweist. Dennoch: die Löcher nehmen zu und es wird wieder ein Feind gesucht. Diesmal ist es nicht der Jude – diesmal ist es für einige der Moslem.

Und manche Politiker stehen sich heute wie damals spinnefeind gegenüber. Es fehlt an Respekt und Gesprächskultur. Wie wir alle wissen, fielen bereits auch Worte wie „Bürgerkrieg“ in der Gegenwart. Und auch heute versuchen einige Gruppen mit kleinen Schritten (den vielzitierten Einzelfällen) die Gesellschaft in eine Richtung zu lenken. Jeder Einzelfall zu klein, um sich wirklich richtig aufzuregen, doch jeder dieser Schritte verschiebt die rote Linie/die Grenze des Machbaren wieder um ein Stückchen in eine Richtung, in die eigentlich im Endeffekt nur wenige wollen.
Hoffentlich fragen wir uns daher nicht auch in ein paar Jahren, wieso wir „das alles“ zugelassen haben und „wieso es passieren“ konnte.

Lesen Sie dieses Buch. Es zeigt auch auf, welche Strömungen in der ÖVP immer waren und noch sind und macht meiner Meinung nach einige „Überzeugungen“ unseres alten/neuen Kanzlers in ihren Ursprüngen sichtbar.

Zu guter Letzt möchte ich noch den Epilog zitieren, mit dem Herbert Lackner sein Buch „Als die Nacht sich senkte“ schließt. Einfach so zum Nachdenken.

„Als ihn [Hermann Göring] der Gefängnispsychologe ..1946 fragte, wie es den Nationalsozialisten gelungen sei, so große Teile des Volkes für sich zu gewinnen, antwortete Göring: Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es werde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorwerfen und behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“

Daran sollten wir uns immer erinnern. Seien wir wachsam ….

Herbert Lackner: Als die Nacht sich senkte
Europas Dichter und Denker zwischen den Kriegen – am Vorabend von Faschismus und NS-Barbarei
ISBN 978-3-8000-7729-8
ueberreuter
www.ueberreuter-sachbuch.at