Reinhold Mitterlehner schildert in diesem Buch in 14 Kapitel sein Leben – und es ist lesenswert. Vielleicht sollten alle, die sich über das kurze Kapitel „Machtübernahme“ echauffieren, die anderen 13 Kapitel aufmerksamer lesen.

Es gibt ein paar Dinge, die man Reinhold Mitterlehner einfach zu Gute halten muss: Er nimmt sich kein Blatt vor dem Mund, wird aber niemals beleidigend oder angriffig. Er schreibt genauso pragmatisch über sein Leben, wie er in der Politik Entscheidungen getroffen hat und er steht für Diskussion, Sozialpartnerschaft, Ausgleich und einen gewissen Stil in der Wortwahl und in der Politik. Mit all diesen Eigenschaften grenzt er sich für mich schon positiv von dem derzeitigen Politikgeschäft ab.

Die Angriffe der türkisblauen Mannschaft kommen nicht von ungefähr, die Beobachtungen über die Entwicklungen in der Gesellschaft und in der Politik erscheinen mir richtig und ich bin froh, dass hier einmal auch aus christlich-sozialer Ecke vor der Weiterentwicklung in diese Richtung gewarnt wird. Vielleicht stimmt auch die Kritik von Joseph Pröll, dass die ÖVP unter Mitterlehner immer mehr nach links gerückt sei – viele Ansichten, die Mitterlehner in seinem Buch äußert. sei es zur Sozialpartnerschaft, zur Flüchtlingskrise, zur Wortwahl der heute handelnden Politiker und einiges mehr,  hätte ich mir in der Klarheit von einer/einem Vorsitzenden der SPÖ gewünscht. Seine Analyse, wohin unsere Gesellschaft im Moment triftet, kann ich nur unterschreiben – und damit sind die beiden, am meisten kritisierten Kapitel abgehandelt.

Doch sollte man die anderen auch nicht übersehen: Mitterlehner kam nicht aus einer reichen Familie, er wuchs am Land auf, hatte Glück ins Gymnasium gehen zu können. Allein dass Mitterlehner in der Beurteilung früherer Politik die Größe aufbringen kann, Maßnahmen des politischen Gegners zu loben, zu erklären was auch „die anderen“ in ihrer Zeit gut gemacht haben, was er ganz persönlich diesen verdankt, ist ihm ebenso hoch anzurechnen, wie die Schilderungen seines Weges in der Wirtschaftskammer und auch der Hinweis, dass es – egal wie gut und egal wie gescheit man ist – doch immer Mentoren und auch ein wenig Glück braucht, um seinen Weg gehen zu können. Vieles von den Schilderungen hat mich an meinen eigenen Weg und an meine privatwirtschaftliche „Karriere“ erinnert.

Für mich ein sehr lesenswertes Buch, das in etlichen Punkten sowohl zum Nachdenken über die Vergangenheit wie auch über die Zukunft einlädt. Ein Buch, das man lesen sollte – und vielleicht dann Haltung und Flagge zeigen sollte. Eigenschaften, die in der derzeitigen Politiklandschaften fehlen – wie man an den vielen „Einzelfällen“ einer Regierungspartei (ein ganz besonders grauslicher passierte diese Woche – 17. KW 2019 – von einem Vizebürgermeister) bemerken kann. Meiner Meinung nach müsste es Aufgabe der Regierung sein, diesen entschiedener entgegen zu treten, selbst wenn Meinungsumfragen dies nicht so sehen sollten ….

Ein Buch für alle Politikinteressierten in diesem Land, die sich ihre Meinung nicht nur über Facebook, die Kronen Zeitung und Gratiszeitungen bilden möchten.

Reinhold Mitterlehner: Haltung
Flagge zeigen in Leben und Politik
ecowin
ISBN 978-3-7110-0239-6
www.ecowin.at

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