Manfred Flügge: Stadt ohne SeeleIrgendwie ist es für mich als Wienerin schon irgendwie komisch, wenn ein Deutscher das Wien um 1938 beschreibt.

Ich dachte zuerst an ein Geschichtsbuch, das die Vorgänge um 1938 beleuchtet, das ist es nicht ganz, aber dann doch wieder auch. Das Buch bringt dem Leser an Hand der Lebensgeschichten vieler damaliger Österreicher die Situation der Stadt um 1938 näher.

Einzelne Lebensgeschichten werden geteilt, am Anfang des Buches nur kurz angerissen, später wieder aufgegriffen. Diese Art der Erzählung hat mich anfänglich verwirrt. Man wird als Leser in Schicksale hinein, aber auch wieder herausgerissen.

So richtig interessant wurde das Lesen für mich erst mit den Schicksalen von Freud und Schuschnigg, die einen Großteil des Buches ausmachen. Dennoch bleibt es für mich ein wenig zu kurz gegriffen, da die Auseinandersetzungen zwischen den Sozialisten und den Christlich-Sozialen wenig bis gar nicht Erwähnung finden. Doch auch der Kampf zwischen diesen beiden Gruppen ließ den Raum für das Erstarken der Nationalsozialisten, zu spät kam die Einsicht dass eine Zusammenarbeit für die Unabhängigkeit Österreichs notwendig ist.

Gerade in Zeiten wie diesen, wo die Polarisierung zwischen Links und Rechts in Österreich täglich zu nimmt und nationalsozialistische, fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen bereits zum Teil wieder gesellschaftsfähig werden und keinen Aufschrei mehr hervorrufen, hätte ich mir bei einem Buch über dieses Thema ein wenig mehr Vorgeschichte gewünscht.

Ein wenig vermisste ich auch die Herausarbeitung, was die Stadt ohne Seele ausmachte, nicht nur 1938, sondern auch später. Die Flucht, wie auch die Auslöschung der jüdischen Intelligenz hatte auch weitreichende Folgen für die Universitäten, die Kultur, das gesamte gesellschaftliche Leben in Wien. Aufgearbeitet wurde wenig, die Atmosphäre dieser Tage blieb Wien lange erhalten. Hoffen wir, dass sie nicht wieder in die – in der Zwischenzeit weltoffener gewordene - Stadt zurückkehrt.

Manfred Flügge: Stadt ohne Seele
Wien 1938
Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-03699-7
www.aufbau-verlag.de

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