Gergely Péterfy: Der ausgestopfte BarbarMan muss sich Zeit nehmen für die Geschichte: es ist keine leichte Kost zum Lesen und doch ist das Buch lesenswert.

Vielleicht ist der Titel ein wenig verwirrend, aber dann doch wieder nicht. Ich hatte eigentlich ursprünglich einzig und allein die Lebensgeschichte von Angelo Soliman erwartet und war daher einigermaßen verwirrt, als anfänglich so gar nicht von ihm die Rede war, sondern das Leben des ungarischen Adeligen Ferenc Kazinczy und seiner Familie im Mittelpunkt der Erzählung zu stehen schien. Ungeduldig wartete ich auf das „Erscheinen“ des „Barbaren“ und erst viele Seiten später wurde mir klar, warum dies so sein musste und auch, dass es einen tiefen Sinn hatte.

Péterfy führt uns damit nicht nur in die Welt Angelo Solimans ein, sondern zeigt uns auch die Welt des Adels und der Bauern, und nimmt den Leser sogar auch ein Stück in die Welt der Freimaurer und des Kaiserhofs in Wien mit. Manchmal brutal und schonungslos offen beschreibt er ohne Tabu die damaligen „Zustände“.

So gibt es in diesem Buch zwei Erzählstränge, die sich immer wieder treffen, eine Zeitlang miteinander einhergehen, wieder auseinander gleiten und sich zum Finale wieder mit einander verbinden.
Beim Lesen des Buches sollte man bedenken, dass Angelo Soliman wirklich gelebt hat, 2011 stand sein Schicksal im Mittelpunkt einer Ausstellung des Wien-Museums. Wahr ist auch, dass dem Leichnam die Haut abgezogen wurde und er für das kaiserliche Hof-Naturalien-Cabinet ausgestopft und präpariert wurde. Soliman stammte wahrscheinlich aus der Sahelzone, geriet als Kind in die Hände von Sklavenhändler und wurde schließlich als Jugendlicher Leibeigner beim Fürsten Lobkowitz und kam anschließend zu Fürst Wenzel von Liechtenstein, wo er bis zum Kammerdiener und Erzieher aufstieg. Auch dass er eine bekannte Figur am Wiener Hof war, einer Freimaurerloge angehörte, verheiratet und Vater einer Tochter war sind historische Tatsachen, ansonsten sind über sein Privatleben allerdings wenig bekannt. Seine ausgestopfte Figur stand bis 1806 im Hof-Naturalien-Cabinet, dann wurde sie in die Reservekammer überstellt und 1848 bei einem Brand der Hofburg vernichtet.

Auch Ferenc Kazinczy und seine Frau Sophia Török sind keine Phantasiefiguren. Kazinczy wurde 1759 geboren und starb 1831 in Széphalom an der Cholera. Seine Tätigkeit als Schulinspektor, die Entlassung aus dem Schuldienst unter Kaiser Leopold II., da er kein Katholik war, wie auch seine Verurteilung wegen vermuteter Beteiligung an der Verschwörung von Martinovics, sowie seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge Zum tugendhaften Kosmopolit in Miskolcz sind historische Tatsachen.

Gergely Péterfy hat an dem Buch zehn Jahre gearbeitet, viele historische Fakten recherchiert und übernommen. Es verschwimmt Fiktion und Realität, lädt dazu ein, sich auf eine historische Reise zu begeben, nachzulesen, weiterzulesen. Und schlussendlich darüber nachzudenken, wer eigentlich die wirklichen Barbaren sind ….

Gergely Péterfly – Der ausgestopfte Barbar
Nischen Verlag Wien
ISBN 978-3-9503906-2-9
www.nischenverlag.at