Dieses Buch richtig einzuordnen fällt mir schwer: nichts desto trotz ist es auf jeden Fall lesenswert.

Ist es eine Familiengeschichte? Ein Roman? Kunstgeschichte? Eine Dokumentation über eine der dunkelsten Zeiten in Österreich und hier besonders in Wien? Und damit ein Stück Zeitgeschichte?
Das Buch lässt sich nicht einordnen, es passt zu keiner Kategorie und dann wieder in alle.

Edmund de Waal beschreibt die Geschichte einer alten jüdischen Familie, der Ephrussis, seiner Familie. Ursprünglich aus Odessa werden die Familienmitglieder in alle Teile der Welt zerstreut, und mit dem Erbe von 264 Netsuke macht sich der Autor auf den Weg um die Geschichte seiner weitverzweigten Familie herauszufinden. Odessa, Paris, Tokyo und vor allem Wien sind die Stationen, auf die er sich begibt, um die Schicksale seiner nächsten Verwandten herauszufinden.

Wien und das Palais Ephrussi war lange Zeit der Hauptsitz und Mittelpunkt seiner Verwandten. Doch mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde auch in seiner Familie eine große Zäsur durchgeführt. Vom Glanz des Palais, vom Reichtum der Besitzer, den sie sich über Generationen aufgebaut hatten, blieb eigentlich nur die Sammlung der 264 Netsuke, deren Rettung sie ihrer Haushälterin Anna verdanken.

Das Buch startet ein wenig langatmig, die Familie ist riesengroß und man muss schon ziemlich genau lesen, um jeweils die Personen richtig zuordnen zu können. Verbindendes Glied des Buches durch all seine Kapitel ist diese Sammlung der japanischen Kleinode, die die unterschiedlichen Zeitabschnitte verbindet. Interessant die Schilderungen über das Wien in den Jahren 1899-1938, berührend die Erzählung der darauf folgenden Jahre, die auch wieder einmal zeigen, dass Österreich – bis heute – seine Vergangenheit noch immer nicht restlos aufgearbeitet hat. Gerade wegen dieser Kapitel und der daran anschließenden ist das Buch besonders lesens- und empfehlenswert.

Die Familie Ephrussi wurde in Wien nicht ausgerottet, sie wurde ausgelöscht. Einst eine der größten Bankiers von Wien, war mir nicht einmal mehr ihr Palais an der Ringstraße bekannt. Unvorstellbar müssen daher wirklich die Gefühle des Enkels, Urenkels oder Ururenkels sein, wenn er an diese Stätte wieder zurückkehrt und nicht nur Ahnenforschung betreibt. Seine Schilderungen drücken Wehmut aus und sind doch keine Anklage. Man muss menschliche Größe besitzen, um so schreiben und formulieren zu können.

Fazit: Ein Buch, das alle jene lesen sollten, die meinen, es sei eh alles nicht so arg gewesen. Ein Buch für alle, die Geschichte – sei es der historische Kontext oder Kunstgeschichte interessiert. Ein Buch, für alle, die über kleine Längen hinwegsehen können, aber mit einem gefühlvollen, interessanten und lehrreichen Text Wien, Paris und auch ein bisschen Tokyo kennen lernen möchten.

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen
dtv
ISBN: 978-3-423-14365-3
www.dtv.de