Ferenc Barnás: Ein anderer TodNach „Der Neunte“ ist es das zweite Buch des ungarischen Schriftstellers, das mir in die Hände fiel. Allerdings lässt er mich diesmal ziemlich ratlos zurück…

„Der Neunte“ war ein hervorragender Roman, ein Rückblick auf Ungarn in den 1960ern, eine ruhige Geschichte, die man aber dennoch beim Lesen fast atemlos verfolgte.
Das neue Buch von Ferenc Barnás ist anders und obwohl es 2013 in Ungarn mit dem angesehenen Aegon-Literaturpreis als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet wurde, lässt es mich ein wenig ratlos zurück.

Zu allererst: Dieses Buch ist schwierig zu lesen, besonders am Anfang. Der Text lebt von Wiederholungen, es sind Gedankenfetzen des Erzählers, die beschrieben werden: er denkt, dass er denkt, dass er denkt.
Es ist kein Roman, der eine sich entwickelnde Geschichte erzählt, vielleicht noch die Entwicklung des Erzählers als Mensch, der anfänglich – durch seine Ausdrucksweise oder durch den Sprachstil – verwirrt wirkt. Auch die Personen seiner Umgebung sind nicht klar ausgeführt, haben mehrere Namen. Im Laufe des Buches werden allerdings die Wiederholungen weniger, die Ausdrucksweise klarer und erzählerischer, die Geschichte beginnt stärker zu leben, es ist, als ob der Erzähler wieder mehr ins „richtige“ Leben zurückkehren würde. In den Wort- oder besser Gedankenfetzen tauchen Bezüge zu Bosnien auf, zu einem Freund in Deutschland, der schließlich Selbstmord begeht, zu grausigen Vorfällen während der kommunistischen Ära, ebenso wie während der Nazi-Okkupation. Es tauchen Gedanken über die Zentralen der „Staatssicherheit“ und deren Vergehen in der Vergangenheit ebenso auf, wie die Erinnerungen an die Judendeportation in Budapest, um schließlich den Bogen zu den heutigen Machthabern zu spannen.

Allerdings war für mich nie klar erkennbar, ob die Verwirrung des Erzählers mit diesen Ereignissen zusammenhängt – manchmal scheint es so – oder nicht. Es ist auch nicht klar, ob er am Ende „geheilt“ ist oder nicht, ja es ist nicht einmal klar, ob er je krank war. Fest steht, dass er eines Tages nicht mehr als Lehrer arbeiten kann und – nach einigen Zwischenstationen – schließlich in einer Galerie arbeitet, wo er seiner Hauptbeschäftigung, dem Nachdenken – nachgehen kann. Führt dieses viele Nachdenken zur Gesundung? Ist es ein Aufarbeiten?

Das Buch ist nicht leicht zu lesen und ich denke auch, dass manche Gedanken oder Anspielungen für Leser außerhalb von Ungarn oder Budapest nicht leicht zu verstehen sind. Vielleicht sollte man ihnen die Zusammenhänge z.B. auf das Naziregime mit einigen Anmerkungen bei einer Neuauflage erläutern, vielleicht ist es aber auch vom Autor gar nicht gewünscht, dies genauer auszuführen. Man versteht auch so, dass etwas Schreckliches passiert sein muss, doch was es genau war und wen was passierte, löst sich dem Leser nur schwer bis gar nicht auf. Dennoch habe ich eigentlich das ganze Buch darauf gewartet, die Auslöser für die Verwirrtheit, für den Abstieg des Erzählers herauszufinden.

Ein anderer Tod ist auf jeden Fall keine leichte Kost, die man einfach einmal so zwischendurch lesen kann. Es ist notwendig, sich konzentriert und ganz und gar auf Text und Geschichte einzulassen.

Ferenc Barnás: Ein anderer Tod
ISBN 978-3-9503906-3-6
Nischen Verlag
www.nischenverlag.at