László Szilasi: Die dritte BrückeUngarische Autoren begeistern mich immer mehr – so auch dieses Buch.

Derzeit werden immer mehr ungarische Autoren ins Deutsche übersetzt und das mit Recht. Allerdings handeln die Geschichten jener Schriftsteller, die ich zuletzt gelesen habe, nicht vom sonnigen Ungarn, vom Urlaub am Balaton, von Puszta-Romantik und von der Musik der Roma und Sinti. Vielmehr sind es Aufarbeitungen und Erzählungen einer schweren Epoche, die Ungarn durchleben musste.

So ist es auch mit der Erzählung von László Szilasi. Die Geschichte beginnt mit einem Klassentreffen, Schulkameraden sehen sich nach langer Zeit wieder. Und es geht um den Tod eines Mitschülers. Seltsam verquickt ist die Geschichte und zuerst scheinen die Lebensgeschichten gar nicht so sehr zusammenzuhängen. Es ist die Erzählung eines Auswanderers, der nach dem Tod seiner Frau aus Kanada wieder nach Ungarn zurückkehrt und hier Stück für Stück tiefer ins Milieu eines Bettlers, der auf der Straße lebt, abrutscht.

Szilasis Schilderungen dieses Lebens, der Gefahren und Unbillen, aber auch der kleinen Freuden, die die Menschen doch noch haben, der Träume, aber auch der Hackordnung, die nicht nur zwischen den Bettlertrupp und den anderen Stadtbewohnern entsteht, sondern auch zwischen den einzelnen Bettlern, die gemeinsam in Szeged ihr Dasein fristen, sind so genau beschrieben, dass man beim Lesen meint, dazu zu gehören. Man sieht die Plätze in der Stadt vor sich, kann sich das Aussehen der einzelnen Personen vorstellen und würde sich wahrscheinlich auch in ihren selbst kreierten „Wohnstätten“ zurecht finden. Irgendwie denke ich, dass ich bei einem Spaziergang durch Szeged auch die Plätze der Stadt, die zum bevorzugten „Einzugsgebiet“ der Bettlergemeinschaft gehören, erkennen würde.
Auch ihr Tagesablauf wird so genau geschildert, man meint Lászlo Szilasi ist auch einer von ihnen gewesen. Anders scheint es fast unmöglich den Kampf um das tägliche Stück Brot, aber auch um Zigaretten und vor allem Alkohol so genau beschreiben zu können.

Dazu kommt, dass sich die Geschichte von der (Über-)Lebensbeschreibung der Bettler langsam aber sicher immer mehr zu einem Krimi entwickelt und es Seite für Seite spannender wird, da man meint, erahnen zu können, wie die einzelnen Figuren zusammenhängen, aber es vorerst doch nicht gelingt, die Hintergründe und Zusammenhänge zu sehen.

In den Roman mit eingewoben ist aber auch die allgemeine Situation in Ungarn und die Kritik daran. Menschen, die in – so scheint es – großer Zahl auf der Straße bzw. in den Wäldern am Stadtrand überleben müssen. Die durch die Hinwendung des Landes zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung plötzlich durch jeden Rost fallen, und mit dem Absinken, mit dem Rutsch in die Arbeitslosigkeit, keinen Halt in der „normalen“ Gesellschaft mehr haben und deren Hoffnung auf Rückkehr in ein normales Leben fast aussichtslos erscheint.

Ein Roman, der uns das andere Ungarn und auch das Leben in einer anderen Gesellschaftsschicht zeigt und so oder so zum Nachdenken anregt. Und ganz nebenbei entwickelt sich eben der Kriminalfall um den ehemaligen Mitschüler. Ist die dritte Brücke wirklich ein Tatort?

László Szilasi: Die dritte Brücke (Übersetzung Eva Zador)
Nischen Verlag
ISBN 978-3-9503906-1-2
www.nischenverlag.at