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All jene, die Kroatien lieben, vor seltsamen Liebesgeschichten nicht zurückschrecken und sich am „Kopfkino“ beim Lesen erfreuen, werden dieses Buch verschlingen.

Die Bora und der Jugo. Jeder Kroatienurlauber kennt diese Winde, vor allem wenn er das Land nicht unbedingt zur Hauptsaison besucht, wo sie zwar auch tageweise wüten, aber doch immer wieder in größeren Unterbrechungen. Die Bora begleitet die „Hauptdarsteller“ des Buches einen Sommer lang. Eine Schriftstellerin – Mara-, die schon jahrelang auf einer Insel in der Nähe von Lošinj ihren Sommer verbringt (ich vermute Susak) wird durch eine Schreibblockade gezwungen, ihre Zeit wirklich wie im Urlaub zu verbringen, nichts zu tun, sich mit der Insel und den Menschen auf der Insel stärker zu beschäftigen.

In dieses „nichts tun“ erscheint eines Tages Andrej, ein Fotograf, in Amerika geboren, dessen Eltern von dieser Insel stammen und mit vielen anderen vor Jahrzehnten ausgewandert sind. Doch einmal im Jahr zum Emigrant Day kommen viele der einstigen Auswanderer wieder auf ihre Heimatinsel zurück, so auch Andrej und seine Mutter. Andrej jedoch steht zwischen den Welten – der kleinen kroatischen Insel und dem großen Amerika. Er bereist die Welt, hat überall Fotoaufträge, hat aber auch die frühere Leidenschaft für seine Arbeit verloren.

Beide verlieben sich ineinander, zuerst vorbehaltlos, innig, doch schon bald kehrt eine gewisse Distanz wieder ein. Mara interviewt Andrejs Mutter, anfänglich schüchtern, dann immer interessierter über früher Zeiten, über Andrej selbst über ihr Leben, und je mehr sie sich wieder für ihren Beruf zu interessieren beginnt – ohne es anfangs überhaupt zu merken, dass es so ist, umso weiter scheinen sie sich wieder von einander zu entfernen. Beide ängstlich, um das Glück und das Andenken an die große Liebe nicht zu zerstören. Beide gehen wieder ihre eigenen Wege und doch …

Die Erzählung ist weit mehr als eine Liebesgeschichte. In einem wunderbaren Stil schafft es Ruth Cerha dem Leser nicht nur die Insel, die Natur und ihre Bewohner nahe zu bringen, sondern auch die beiden Hauptfiguren. Die handelnden Personen sind so präzise und gut beschrieben wie die Landschaft der Insel, sodass ein richtiger Film vor den Augen des Lesers entsteht. Durch einen Wechsel des Erzählers der Geschichte, Teil 2 des Buches erzählt nicht die Schriftstellerin Mara, sondern Andrej, der Fotograf, kann man noch einmal einige wichtige Begebenheiten aus seiner Sichtweise erfahren. Nie jedoch langweilt die Erzählung, nie möchte man aufhören zu lesen, und so ganz nebenbei erfährt man einiges über die Geschichte der Insel und ihrer Auswanderer, über das Schicksal jener, die nach Amerika gingen und über die Schwierigkeiten ihrer Kinder sich irgendwo zuhause und von den Eltern anerkannt zu fühlen.

Es ist ein tolles Buch, das man lesen sollte und es sei allen Kroatien-Urlaubern ans Herz gelegt. Ich denke, dass ich einige Plätze in Lošinj wieder erkannt habe – vielleicht bilde ich es mir auch nur ein und sie passen einfach zur Geschichte - und ein Abstecher nach Susak, der Island of Sands, ist das nächste Mal auf jeden Fall fix eingeplant. Lesen Sie das Buch vor Ihrem Kroatienurlaub, spätestens aber währenddessen.

Einerseits würde ich mich über eine Verfilmung der Geschichte freuen, andererseits fürchte ich sie. Es ist eines der Bücher, über deren handelnde Personen und deren Umgebung man als Leser eine ganz genaue Vorstellung bekommt und enttäuscht ist, wenn der Schauspieler und der Film nicht exakt diese Erwartungen erfüllt. Schön wäre es aber trotzdem …

Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind
Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00215-2
www.frankfurter-verlagsanstalt.de

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