Krisztina Tóth gelingt mit Aquarium ein Meisterstück, das es verdient auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises geschafft hat.

Das Aquarium verbindet die Teile einer Erzählung, die die Autorin drei verschiedenen Frauengenerationen im Nachkriegsungarn widmet.

Die Klari-Oma, die eigentlich sehr wenig von einer „richtigen“ Oma hat, ihr Leben lebt, ihr Kind zuerst im staatlichen Heim und dann in einer jüdischen Pflegefamilie aufwachsen lässt und in erster Linie immer dann zur Stelle ist, wenn ihr Geld knapp wird.

Vera, die Tochter der Klari-Oma, die von Tante Edit aufgenommen wird und die sie mit ihrem Mann „durchfüttert“, obwohl auch hier das Geld mehr als knapp ist. Da kann es dann schon passieren, dass Vera in der Arbeitsstelle der Pflegemutter, dem Krankenhaus, übernachten muss, da kein Geld zum Heizen da ist oder dass Artisten als Bettgeher in der ohnehin kleinen Wohnung untergebracht werden, um sich ein bisschen was dazu zu verdienen. Kein Wunder, das Vera versucht, durch eine Heirat ihrem Umfeld zu entkommen.

Und dann ist da noch Vica, die Tochter von Vera, die sich mit der Klari-Oma doch ein wenig anfreundet oder die Klari-Oma mit ihr. Zumindest passt die Klari-Oma hin und wieder auf ihre Enkelin auf, wenn auch hier mit äußerst unkonventionellen Methoden...

Das Aquarium, zuerst von Onkel Jóska, dem Mann von Edit, kunstvoll zusammengebaut und mit Fischen und Pflanzen bestückt, kommt immer wieder in der Geschichte an wichtigen Punkten vor. Für Onkel Jóska ist ein Stück Wohlstand, eine Flucht in ein gedachtes besseres Leben, an dem er sich nicht lange erfreuen kann und das nach seinem Tod zur Klari-Oma wandert, die die Fischpflege nicht so ernst nimmt und mit dem gleichen Teesieb tote Guppys aus dem Aquarium holt, wie auch ihren Tee eingießt. Für Tante Edit die permanente Erinnerung an den Tod ihres Mannes. Für die Klari-Oma einfach ein interessantes Objekt.

Krisztina Tóth versteht es hervorragend die Atmosphäre dieser Zeit zu beschreiben und die handelnden Menschen zu charakterisieren und zu zeichnen. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, in dem die handelnden Personen so klar vor dem „geistigen Auge“ erschienen sind. Man glaubt, sie zu kennen, zu wissen wie sie reagieren werden, wie sie aussehen. Auch die Wohnung, die Straße, die Siedlung – die Handlung läuft vor dem Leser ab, wie ein guter Film.

Es ist erstaunlich wie sich die Autorin (geboren 1967) in diese Zeit hineinversetzen konnte. Die ausgezeichnete Übersetzung und Sprache von György Buda tut ein Übriges.

Ein lesenswertes Buch einer Autorin, die man im Auge behalten muss und Gratulation zur Nominierung auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2015.

Krisztina Tóth: Aquarium  
Nischenverlag
ISBN 978-3-9503345-9-3
www.nischenverlag.at