Vom 21.2.-18.6.2017 zeigt die Albertina in der Propter Homines Halle als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 eine umfassende Egon Schiele Ausstellung.

Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, bei der Pressekonferenz

Trotz seines kurzen Lebens hinterließ Schiele ein umfangreiches Werk, das ohne seine Skizzenbücher über 300 Gemälde und über 2.500 Zeichnungen umfasst. Die Schiele-Sammlung der Albertina, die aus all seinen Schaffensperioden Werke umfasst, steht im Mittelpunkt der Ausstellung, die um einige bedeutende Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen ergänzt wird.

Egon Schiele: Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917 © Albertina, Wien
Obwohl Schieles Werke nahezu nichts mehr mit der positiven Sicht der Jugendstilära zu tun haben, zählt der Künstler zu den bekanntesten und beliebtesten in ganz Europa. Schieles Bilder lösen einen menschlichen Reflex aus, der allerdings in Zusammenhang mit vielen seiner Werke ein Missverständnis ist: der Betrachter meint, dass sobald ein Mensch, und hier wieder insbesondere eine Frau, nackt dargestellt wird, geht es um Sexualität und Erotik. Dies mag für Schieles letzte Schaffensperiode vielleicht zutreffen, für seine frühen Bilder allerdings nicht. Schiele geht es immer um den Menschen, und diesen sieht er allein und nur auf sich gestellt in der Welt.

Blick in die Ausstellung Egon Schiele in der Albertina

Galt früher oft noch die Religion als Rettungsanker, so gilt auch dies nicht für ihn. Schiele ist ein zeichnender Moralist, der sich in höchster Spiritualität seinem Thema widmet. Ihn auf Erotik und Sexualität zu reduzieren, wie es manchmal geschieht, wird dem Künstler und dem Menschen Schiele nicht gerecht.

Egon Schiele: Sitzendes Paar, 1915 © Albertina, Wien
Selbst seine Zeichnungen, die ihn und seine Frau Edith darstellen, zeigen eine seltsame Distanz zwischen den Beiden. Obwohl sich die Frau eng an den Mann anschmiegt, scheint keinerlei Verbindung zwischen den beiden zu bestehen.

Die Wohnverhältnisse zur Zeit Schieles waren nicht für alle gut
In der Ausstellung finden sich auch großformatige Fotografien, die die Zustände zur Zeit Egon Schieles zeigen. Es sind unter anderem auch Fotos von jenen Familien zu sehen, die unter menschenunwürdigsten Zuständen unterirdisch in Wien leben, an die 25.000 Wiener haben damals in solchen Elendsviertel gehaust, von denen wir uns heute gar keine Vorstellung machen können.

Egon Schiele: Aktselbstbildnis, 1916, © Albertina, Wien
Auch Schiele, der seinen Vater früh verlor, gehörte nicht zur begüterten Klasse, obwohl sein Onkel, der die Vormundschaft übernommen hatte, als begütert zu bezeichnen ist. In seinen Anfängen könnte der junge Künstler nicht einmal ein paar Kreuzer aufbringen, um sich ein Modell für seine Zeichnungen leisten zu können.

Das Haus Schieles in Neulengbach
Auch seine Kaschemme, in der er mit Wally nach seiner Rückkehr aus Krumau wohnte und die auch seine Arbeitsstätte war, bestand nur aus zwei kleinen Räumen. Die Beengtheit der Wohn- und Arbeitsfläche führte schließlich auch zu seiner Verurteilung, da dadurch Kinder und Jugendliche, die Modell saßen auch seine Aktbilder zu Gesicht bekamen.

Ein Werk aus der Gefängnisserie Schieles

In der Ausstellung sind auch Blätter aus dem Gefängniszyklus zu sehen – immerhin musste Schiele damals befürchten, zu 20 Jahren schweren Kerkers verurteilt zu werden, lautete die Anklage doch auf Kindesentführung und Kindesmissbrauch.

Egon Schiele: Schwarzhaariger Mädchenakt (Ausschnitt), 1910, © Albertina, Wien

Lange Zeit fehlte die Erklärung der berühmten V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist – das Bild ist auch in der Ausstellung zu sehen. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Istanbul. Egon Schiele inszeniert sich in diesem Bild als Auserwählter von hohem Rang, darauf deutet nicht nur die Handhaltung, sondern auch der Lichtkranz der den Kopf des Künstlers umgibt, hin. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen.

Egon Schiele: Selbstbildnis in gelber Weste (Ausschnitt), 1914, © Albertina, Wien

Schiele schlüpft bei seinen Selbstbildnissen in Rollen, gibt sich theatralisch, als Elender, als Choleriker, als eleganter blasierter Mann oder aber als derjenige, der der Welt das Heil bringt. Er zeigt in seinen Werken auf, dass der Mensch all diese verschiedenen Charaktere und Persönlichkeitsmerkmale und Strömungen in sich trägt und vereint.

Egon Schiele: Alte Häuser in Krumau, 1914, © Albertina, Wien

Dabei wird Egon Schiele von seinen Mitmenschen als ausgesprochen höflicher, netter, junger Mann beschrieben, der stolz darauf war, sich trotz seiner Armut zweimal täglich aus Papier einen weißen Hemdkragen zu schneiden.

Blick in die Ausstellung (Bildausschnitt) Egon Schiele, Albertina, Wien
Interessant ist auch eine Serie, die man früher nie richtig verstanden hat und für die nun Thomas Ambrózy eine neue Deutung vorgelegt hat: In diesen Bildern finden sich Titel – eine Seltenheit bei Egon Schiele, die nur zweimal auftritt – in der Gefängnisserie und in eben dieser zweiten Serie. Hier ist von Andacht, Erlösung … die Rede, die man zuerst für expressionistische Ausrufe hielt, die allerdings nichts mit dem Bild zu tun hätte.

Egon Schiele: Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, 1910 (Ausschnitt), © Albertina, Wien

Ambrózy entdeckte nun, dass diese Titel wörtliche Zitate aus einem damals äußert beliebten Buch über Franz von Assisi entstammen. Die Gemälde setzen sich mit dem Leben und dem Werk des Heiligen auseinander. Wie Franz von Assisi wollte sich auch Schiele vom Materialismus abwenden, liebte die Natur und alle Geschöpfe. Zugleich war er Pazifist, der sich mit russischen Kriegsgefangenen über ein geeintes Europa unterhielt.

Blick in die Ausstellung Egon Schiele in der Albertina
Schieles Kunst ist die Abkehr vom Wiener Jugendstil, vom „goldenen Klimt“, von Harmonie und Schönheit, er zeigt auch das hässliche, das verkrümmte und ist damit so aktuell, relevant und zeitgenössisch.

Die Totenmaske von Egon Schiele
Egon Schiele, von dem auch die Totenmaske in der Ausstellung gezeigt wird, starb im Alter von 28 Jahren, wenige Tage nach seiner schwangeren Frau. Beide waren an der Spanischen Grippe erkrankt, einer tödlichen und hoch ansteckenden Krankheit, die weltweit mehr Menschen dahinraffte, als im Ersten Weltkrieg gefallen waren.

Egon Schiele: Junger Mädchenakt im ockerfarbigen Tuch, 1911 © Albertina, Wien
Am 31.10.1918, am Tag der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie, stirbt der Künstler. Laut seiner Schwägerin Adele Harms waren seine letzten Worte: „Der Krieg ist aus – und ich muss geh’n.“

Egon Schiele: Zwei kauernde Mädchen, 1911 (Ausschnitt), © Albertina, Wien
Vorträge im Rahmenprogramm:

Mittwoch, 8.3.2017 um 18:30 Uhr im Musensaal der Albertina
Dr. Johann Thomas Ambrózy: Egon Schiele und Franz von Assisi. Zur Entschlüsselung des allegorischen Werkes.

Mittwoch, 29.3.2017 um 18:30 Uhr im Musensaal der Albertina
Dr. Paul-Bernhard Eipper: Das versteckte Benesch-Porträt in Egon Schieles Gemälde Stadtende

Sonntag, 7.5.2017 um 11:00 Uhr im Musensaal der Albertina
Dr. Eva Werth: Faszination Paris. Egon Schiele zwischen Rimbaud und Apachentanz
Die Teilnahme an den Vorträgen ist im regulären Eintrittspreis inkludiert.

Egon Schiele: Sonnenblumen, 1911 © Albertina, Wien
Zur Ausstellung finden jeden Monat auch öffentliche Führungen statt. Die genauen Beginnzeiten erfahren Sie unter http://www.albertina.at/information/kalender. Tickets sind am Tag der Führung an der Kassa erhältlich. Der Führungsbeitrag ist 4 Euro, begrenzte TeilnehmerInnenzahl, keine Anmeldung möglich, first come – first serve.

Blick in die Ausstellung Egon Schiele in der Albertina Wien
Sonderführung am Internationalen Frauentag
Mittwoch, 8.3.2017 um 17:00 Uhr – Schiele und die Frauen
Tickets an der Kassa am Tag der Führung erhältlich, Führungsbeitrag 4 Euro, begrenzte TeilnehmerInnenzahl, keine Anmeldung möglich, first come – first serve.

Egon Schiele: Weiblicher Akt, Ausstellung in der Albertina
Außerdem finden noch altersgerechte Mitmachführungen während des Albertina-Family-Sonntags statt, es gibt Juniorführungen und Kunstworkshops.

Die Albertina ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, am Mittwoch von 10:00 bis 21:00 Uhr. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, der im Shop der Albertina, aber auch online erhältlich ist. (www.albertina.at)

Egon Schiele: Zwei Freundinnen, 1915, © Budapest, Szépmüvészeti Museum
22.2.-18.6.2017 Egon Schiele
Albertina, Propter Homines Halle
1010 Wien, Albertinaplatz 1
Tel: +43 1 534 83-0
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.albertina.at

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