Čížov

Das kleine Städtchen in Mähren ist einer der Eingänge zum kleinsten Nationalpark in Tschechien, den Nationalpark Podyjí und es beinhaltet ein Denkmal an fast schon vergessene Zeiten.

Čížov war und ist ein Grenzstädtchen. Wer kaum fünf Kilometer durch den wunderschönen Nationalpark spaziert, kommt zur Thayabrücke und hier – mitten im Fluss - verläuft die Grenze zwischen Österreich und Tschechien. Am Ende der Ortschaft steht das Besucherzentrum des Nationalparks, wo man sich viele Informationen über den Nationalpark besorgen kann. Schräg gegenüber finden sich die letzten Überreste einer fast vergessenen Zeit: Teile des Eisernen Vorhangs.

Dieses Denkmal macht nun wahrscheinlich die Bedeutung des Ortes aus, obwohl das Dorf schon im Jahre 1358 urkundlich erwähnt wurde. 1850 war Čížov/Zeisau ein Ortsteil der Gemeinde Rancířov/Ranzen, 1873 entstand die politische Gemeinde Čížov und 1961 wurde das Dorf nach Vílanec eingemeindet, seit 1989 gehörte es zu Jihlava. Ab 1992 bildet es nun wieder eine eigene Gemeinde.

Der Eiserne Vorhang

Die Bezeichnung „Eiserner Vorhang“ stammt von Winston Churchill, der 1946 meinte: „Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt“.
Offiziell sollte die Befestigung an der Grenze zum „imperialistischen Westen“ Störenfriede, wie z.B. Geheimagenten abhalten, aber schon bald war klar, dass man damit auch der eigenen Bevölkerung die Flucht aus dem Land erschweren wollte. Bewaffnete Grenzschützer und die Armee hatten den Befehl illegale Grenzübertritte zu vereiteln – Tausende, Flüchtlinge wie auch Grenzsoldaten, kostete dieser Befehl das Leben.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov


Wie alles begann

Nach dem Zweiten Weltkrieg, die Tschechoslowakei ist von der Roten Armee besetzt, beginnt sich die Lage an den Grenzen zuzuspitzen, nachdem 1948 die Kommunistische Partei an die Macht gekommen war. Ein Jahr später verlieren die Bürger des Landes sogar den Rechtanspruch auf Ausstellung eines Reisedokuments und dennoch: bis 1951 emigrieren nahezu 12.000 Menschen aus der Tschechoslowakei. Die meisten fliehen nach Bayern über die grüne Grenze. Der Weg nach Österreich ist zwar auch noch offen, allerdings erwartet die Flüchtlinge nach dem Grenzübertritt bis 1955 die sowjetische Besatzungszone. Die Gefahr von den sowjetischen Besatzern aufgegriffen zu werden und zurück in die Tschechoslowakei verfrachtet zu werden, ist daher groß.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Um die „Massenflucht“ der Tschechen und Slowaken zu beenden, wird daher 1951 die hermetische Abriegelung der 750 km langen Grenze zu Westdeutschland und Österreich beschlossen. Es werden Sperranlagen errichtet und eine eigene Grenztruppe aufgestellt. Eine 2 km breite Sperrzone entsteht, die nur mit Sondererlaubnis betreten werden durfte und für die Zivilbevölkerung praktisch nicht erreichbar war. Dörfer werden abgerissen, es kommt zu Zwangsumsiedlungen der Bevölkerung. Von der Grenze des Sperrgebiets reichte 6 bis 10 Kilometer landeinwärts die sogenannte Grenzzone, in der bereits Zivilpersonen leben und arbeiten durften. Bürger, die hier nicht ihren Wohnsitz hatten, benötigen allerdings eine Genehmigung zu ihrem Aufenthalt in diesem Gebiet.

Als wichtigster Teil des Grenzschutzes galten die Sperranlagen, ein System von bis zu drei Stacheldrahtzähnen von mehr als zwei Metern Höhe. Diese wurden von einigen hundert Metern bis zu zwei Kilometer Entfernung der eigentlichen Grenze errichtet. Sämtliche Bäume und Sträucher in ihrer Umgebung wurden gefällt, wodurch in Waldregionen kahle Schneisen entstanden, die heute noch erkennbar sind. Der Blick der Grenzsoldaten auf das Gebiet musste frei sein.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Außerdem wurden anfangs im Mittelteil des Streifens Elektrozäune mit einer Spannung von 3 – 6.000 Volt errichtet, die von 1952 bis 1963 arbeiteten, an der Grenze zu Bayern wurden zwischen 1952 und 1965 sogar Tretminen eingesetzt. Beide Maßnahmen kosteten nicht nur Flüchtlingen, sondern auch einigen Grenzsoldaten das Leben bzw. führten zu schweren Verletzungen. Aus diesem Grund und wegen massiver internationaler Proteste wurden dann Ende der 1960er Jahre die Minenfelder beseitigt und die Hochspannungszäune von Signalzäunen abgelöst. Ihr Zweck war nun nicht mehr zu töten, sondern bei Berührung ein Signal auszulösen und damit die Grenzsoldaten auf den Plan zu rufen. Das rasche Eintreffen der Überwacher wurde durch die sogenannten Kolonnenwege erleichtert. Dies waren meist asphaltierte oder betonierte Dienstwege in unmittelbarer Nähe der Sperranlagen. Über die gesamte Länge der Anlagen baute man außerdem Wachtürme, die anfangs aus Holz gebaut waren, später dann Stahlkonstruktionen wichen. Von diesen Türmen war der gesamte bewachte Abschnitt gut einzusehen, starke Scheinwerfer und Leuchtraketen konnten binnen Minuten auch die Nacht taghell beleuchten.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Manchmal bekam man auch als „Westler“ die Beklemmung der Grenze mit. So passierte es hin und wieder, dass man bei der Ausreise nächtens an der Grenzstation länger warten musste. Aussteigen aus dem Auto war verboten. Grenzsoldaten patrouillierten mit dem Maschinengewehr im Anschlag. Hundestaffeln schnüffelten an allen Autos, Sirenen heulten in die Nacht und starke Scheinwerfer schickten ihre Lichtstrahlen gespenstisch über die Warteschlange und die benachbarten Felder. „Sie suchen jemanden“, raunten sich dann die österreichischen Insassen in den Autos zu und jeder war froh, wenn er endlich die Grenze hinter sich lassen konnte und wieder auf österreichisches Gebiet kommen konnte. Kaum jemand hätte sich damals vorstellen können, dass es einmal möglich sein könnte mit dem Rad oder zu Fuß über die Thayabrücke unbehelligt von Grenzkontrollen auf die österreichische Seite zu spazieren. Keiner, der das je miterlebt hat, kann wohl heute das neuerliche Aufstellen von Stacheldrahtzäunen an der Grenze befürworten, ist es doch immer nicht nur ein Aus- , sondern kann schnell auch zu einem Einsperren werden.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Und doch emigrierten von 1948 bis 1989 nach offiziellen Angaben etwa 200.000 tschechische Bürger in den Westen. Gewagte Schätzungen sprechen von bis zu einer halben Million, wobei die größte zeitlich begrenzte Auswanderungswelle während des sogenannten Prager Frühlings 1968-69 bzw. der Unterdrückung desselben durch den Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in der Tschechoslowakei zu verzeichnen war.

Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre wurden aber auch Personen zur Emigration gezwungen und ihnen der Weg durch das Regime sehr eilfertig geebnet. So mussten besonders die Unterzeichner der Charta 77 mit einer dauerhaften Ausweisung aus der Tschechoslowakei rechnen.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Das Ende des Eisernen Vorhangs

Die Samtene Revolution öffnete am 4.12.1989 die Grenzen in den Westen und noch im selben Monat schnitt der erste Außenminister der neuen Regierung Jiří Dienstbier gemeinsam mit seinem österreichischen Kollegen feierlich den Grenzzaun bei Hatě und Kleinhaugsdorf durch. Bis zur Jahresmitte 1990 folgten dann fast alle Zäune, nur wenige Relikte erinnern heute – wie in Čížov – an diese dunkle Zeit der Geschichte.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov

Heute sind es gerade noch 300 Meter Stacheldrahtzaun, der Kolonnenweg und ein Wachturm, die an die an den einstigen „Grenzschutz“ erinnern. Die Geschichte der Grenzanlagen erzählt eine Infotafel. Mehr darüber kann man von den Mitarbeitern des Nationalparkzentrums – gegen Voranmeldung – erfahren.

Die Thayabrücke

Ein paar Kilometer Fußweg (oder kurz mit dem Rad) und man ist von Čížov an der Grenze, die mitten durch die Thaya verläuft. Kaum ein anderes Bauwerk wie die Thayabrücke hier in Hardegg symbolisiert offene oder geschlossene Grenzen und damit das Mit- oder Gegeneinander von zwei Nachbarstaaten.
Die Brücke besteht bereits seit 1874, vor ihrem Bau, mit dessen Eisenkonstruktion damals die Wiener Firma Ignaz Gridl beauftragt wurde, musste man die Thaya oberhalb der Stadt an einer Furt überqueren.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Die Zollhäuser an den beiden Ufern, im österreichischen ist heute ein kleines, aber sehenswertes Museum eingerichtet, wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg und der endgültigen Grenzziehung errichtet. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war die Brücke fast immer offen und konnte ohne wesentliche Einschränkungen benutzt werden, erst 1945 änderte sich dies mit dem Bau des sogenannten Eisernen Vorhanges. Die Holzpfosten des Fahrbahnbelages wurden erst auf tschechischer, dann auch auf österreichischer Seite entfernt und nur die notwendigsten Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt. An eine Wiedereröffnung glaubte man weder hüben noch drüben.

Die Reste des Eisernen Vorhangs bei Čížov
Doch nach der Samtenen Revolution 1989 und der folgenden Welle der Wiedereröffnung alter Grenzübergänge wurde auch die Thayabrücke von Hardegg wieder in Dienst gestellt und verbindet heute nicht nur Tschechien und Österreich, sondern auch die Nationalparks beider Länder. Am Gründonnerstag 1990 wurde der Grenzübergang wieder eröffnet.

Verpassen Sie es nicht, bei einem Ausflug in den österreichischen oder tschechischen Nationalpark auch der anderen Seite einen Besuch abzustatten. Gehen Sie über die Thayabrücke und wandern Sie zu den Resten des Eisernen Vorhangs, besuchen Sie das kleine Museum auf der österreichischen Seite und freuen Sie sich, all dies ohne Passkontrolle und Stacheldrahtzaun machen zu können.

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