Alja Rachmanowa: Milchfrau in Ottakring Es ist ein Buch der ganz besonderen Art: es ist mehr als ein Tagebuch. Selten sieht man beim Lesen eines Buches die Personen, die Straße, die Zeit so klar vor sich wie hier.

Obwohl es eigentlich „nur“ Tagebucheintragungen sind, entwickelt sich eine spannende Geschichte vor den Augen des Lesers. Für mich eine absolute Überraschung und eine ganz große Leseempfehlung!

Es ist die, zumindest teilweise, wahre Geschichte von Alja Rachmanowa, die in Russland in guten bürgerlichen Verhältnissen aufwächst und sich in einen Österreicher, einem Fremden aus damaligem Feindesland, verliebt und ihn auch heiratet. Beide studieren, bald kommt ihr Sohn Jurka zur Welt. Doch das Schicksal setzt ihnen bald schwer zu: ohne eine Angabe von Gründen werden sie von den Bolschewisten, den neuen Machtinhabern, ausgewiesen und müssen das Land verlassen. Mit nur 235 Schilling in der Tasche kommen sie in Wien an.

Aber auch in der ehemaligen Heimat ihres Mannes sind sie Fremde. Man verübelt ihm, dass er nicht gleich nach dem Krieg zurückgekehrt ist, seine Studien in Russland sind hier wertlos und werden nicht anerkannt. Jahre der Entbehrung warten auf die kleine Familie, in denen Alja versucht als Milchfrau mit ihrem kleinen Geschäft die Familie durchzubringen und ihrem Mann das Studium zu ermöglichen, immer in der Hoffnung auf ein späteres besseres Leben.

Diese Hoffnung hält sie aufrecht und lässt sie weiter arbeiten. Sie überwindet das Misstrauen der Wiener Bevölkerung, die ihr anfänglich entgegen gebracht wird, sie sucht billigste Einkaufsstätten um eine paar Groschen mehr Ertrag für ihre Familie zu erwirtschaften, sie erträgt standhaft alles Leid.

Die Tagebucheintragungen der Alexandra (Galina) von Hoyer – so ihr richtiger Name – zeichnen ihren Lebensabschnitt in Wien nach, mit all ihren Emotionen, Hoffnungen und auch den Sehnsüchten nach einem besseren Leben und einer besseren, anspruchsvolleren Arbeit. Als Leser leidet man mit an den Hochs und Tiefs der Familie, freut sich wenn es ihnen besser geht und kann beruhigt das Buch weglegen, als ihr Mann endlich die ersehnte fixe Stellung in Salzburg erhält.

Dietmar Grieser, ebenfalls einer meiner Lieblingsautoren, hat sich auf die Spuren der Alexandra von Hoyer begeben, zu einem Kontakt der beiden kam es allerdings nicht mehr. Alexandra von Hoyer starb wenige Monate vor ihrem 93. Geburtstag in der Schweiz. Grieser ist auch zu verdanken, dass das Buch nun bei Amalthea neu aufgelegt wurde.

Obwohl Rachmanowa einmal zu den beliebtesten Schriftstellerinnen gehörte, wurden ihre Werke gleich zweimal verboten: einmal während der Zeit des Nationalsozialismus, da ihre Bücher nicht zum Hitler-Stalinpakt „passten“, später von der sowjetischen Besatzungsmacht.

Alja Rachmanowa: Milchfrau in Ottakring. Tagebuch aus den dreißiger Jahren
Amalthea
ISBN: 978-3-85002-923-0

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